Identität in der Abgrenzung – Thomas de Maizière und die Leitkulturdebatte

von Maximiliane Rink

Pure rechte Stimmungsmache, so betitelt ‚Die Zeit‘ ihren Kommentar über Thomas de Maizières Überlegungen zur Leitkultur, die am 30.04.2017 als Gastbeitrag in der ‚Bild am Sonntag‘ erschienen. Auch in vielen anderen Veröffentlichungen, die folgten, wurde der Artikel bestenfalls mit Unverständnis quittiert. Dieses begann meist schon bei der Wahl des Begriffes ‚Leitkultur‘. Für de Maizière setzt sich Leitkultur aus dem Begriff ‚Kultur‘ und dem Verb ‚leiten‘ zusammen. Eine Deutung, der man nicht widersprechen kann. Allerdings besteht für mich eine Besonderheit der deutschen Sprache in ihren Komposita. Und deren Besonderheit wiederum ist: sie emanzipieren sich von ihren ursprünglich eigenständigen Bestandteilen insoweit, dass sie eigenständig in ihrer Wirkungsgeschichte betrachtet werden sollten. Dies gilt insbesondere auch für den Begriff Leitkultur, der in den letzten Jahren zunehmend ideologisch gebraucht wurde und in durchaus wechselvoller Weise die Integrationsdebatte in Deutschland mitbestimmte. Weiterlesen

Speer beim NDR: „Integration durch (mehr) Religion?“

Beim NDR hat der Vorsitzende des Forums Offene Religionspolitik, Sven Speer, dem Geschäftsführer des Humanistischen Verbands Niedersachsen, Jürgen Steinecke, ein Interview gegeben.

Themen waren die religiös-weltanschauliche Vielfalt in Niedersachsen, Religionsunterricht und der Islam.

Ausgestrahlt wird die Sendung am 22. Mai um 7:15 auf NDR Info.

Anschließend kann sie auch im Archiv des Humanistischen Verbands nachgehört werden: http://hvd-niedersachsen.de/ndr-sendezeiten.html

Konfliktsensible Unterbringung von Flüchtlingen – notfalls mit Trennung nach Ethnien und Religionen

von Sven W. Speer

Die Konflikte in Flüchtlingsunterkünften mehren sich. Ein deutliches Zeichen dafür war die „Massenschlägerei“ mit 400 Beteiligten in der Flüchtlingsunterkunft in Kassel-Calden. Den Flüchtlingen droht nicht nur Gefahr rechtsextremistischer Übergriffe von außen – die sich unvermindert fortsetzen – sondern auch innerhalb der Unterkünfte. Als Reaktion darauf wird die getrennte Unterbringung von Flüchtlingen nach Ethnien und Religion gefordert. Andere Stimmen kritisieren dies jedoch aufs Schärfste. Die Diakonie in Niedersachsen bezeichnete eine solche Trennung gar als „Apartheid“. Der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, mahnte, „Asylsuchenden müsse von der ersten Stunde an vermittelt werden, dass unterschiedliche Religionen friedlich zusammen leben sollten“.

Wie nötig und wie sinnvoll ist eine getrennte Unterbringung?

Wie nötig und wie sinnvoll ist eine getrennte Unterbringung? In der Regel kommen Menschen unterschiedlicher und keiner Religion im Alltag gut miteinander aus, selbst wenn große Vorbehalte bestehen. Diese gibt es im Übrigen auch in der deutschen Bevölkerung, wie Studien immer wieder zeigen: Jeder Vierte empfindet Muslime als unangenehme Nachbarn, für jeden Dritten gilt dies in Bezug auf Sinti und Roma. Was für die deutsche Bevölkerung gilt, gilt potenziert für Flüchtlinge: Sie leben auf engstem Raum unter widrigen Bedingungen zusammen. Die Aufnahmeeinrichtung in Bramsche-Hesepe ist bspw. für 600 Menschen ausgelegt, derzeit leben dort wohl deutlich mehr als 2.500.

Unter den Bedingungen knapper Ressourcen und einem Überfluss an Zeit bleiben Konflikte selten aus

Unter den Bedingungen knapper Ressourcen und einem Überfluss an Zeit bleiben Konflikte selten aus. Die Gründe dafür sind in der Regel nicht die Religionen selbst. Wer einmal längere Zeit zwangsweise und ohne Ausweichmöglichkeit mit Menschen verbringen musste, weiß, wie sich gruppendynamische Prozesse der Abgrenzung entwickeln. In derartigen Situationen fallen Menschen oftmals in Gruppenidentitäten zurück, die vorher womöglich nicht einmal besonders bedeutend waren. Diese Identitäten sind bei betroffenen Flüchtlingen in der Regel ethnisch und religiös begründet. Sie sind zwar nicht die Ursache für Konflikte, an ihnen entlang können sich die Konflikte aber formieren, sobald sie wegen ganz anderer Sachverhalte entstanden sind.

Die Frage ist nun, wie mit dem Konfliktpotential umgegangen wird. So menschlich das Konfliktpotential ist, so intolerabel ist die aus diesem erwachsene Gewalt. Die Gegner einer „Apartheid“ wollen die Flüchtlinge zwingen, friedlich und respektvoll auf engstem Raum zusammenzuleben. Das ist verständlich, aber schwer für alle zu realisieren – selbst wenn dies den meisten ganz ohne Zwang und aus eigenem Antrieb gelingt. Auch der Verweis auf die dringend nötige Ausweitung der Wohnflächen ist richtig, aber löst das akute Konfliktpotential nicht. Am allerwenigsten hilft die Verteilung des Grundgesetzes in den Sprachen der Flüchtlinge.

Gefährdete Gruppen prioritär in kleinere Aufnahmeeinrichtungen verlegen

Wir müssen pragmatisch sein und Konflikte verhindern, so gut es geht. Eine Trennung der Flüchtlinge nach Ethnien und Religionen ist vielerorts nicht möglich. Mit dem Ausbau der Unterbringungskapazitäten können die Flüchtlinge künftig aber in höherem Maße konfliktsensibel untergebracht werden. Häufig gehören zu den gefährdeten Gruppen in den Aufnahmeeinrichtungen Frauen, Christen, Jesiden und Homosexuelle. Diese sollten prioritär aus großen Aufnahmeeinrichtungen in kleinere verlegt werden, um ihre Sicherheit zu erhöhen. Zweifellos ist dies mit einem erhöhten Verwaltungsaufwand verbunden – aber die Errichtung neuer Einrichtungen, die Erhöhung der Sicherheitskräfte in den Einrichtungen, Mediation und Willkommenskurse erfordern ebenfalls Zeit und Energie. Das eine darf nicht zu Lasten des anderen unterbleiben.

Pragmatismus hilft den Flüchtlingen, nicht das Festhalten an Utopien des harmonischen Miteinanders in Vielfalt, das auch in der deutschen Bevölkerung eher Wunschvorstellung als Realität ist. Daher brauche wir eine konfliktsensible Unterbringung von Flüchtlingen – in Einzelfällen auch mit einer Trennung nach Ethnien und Religionen.

Wie fänden Sie es, neben einem Juden oder Moslem zu wohnen?

von Sven W. Speer

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. hat erhoben, wie angenehm einzelne Gruppen von Menschen als Nachbarn empfunden werden. Das neue an der Studie ist, dass nicht nur die Einstellungen gegenüber einzelnen Gruppen erhoben worden ist, sondern auch die Einstellungen der Gruppen gegenüber anderen Gruppen.

Für 25 % der Befragten sind Muslime als Nachbarn unangenehm

Die Einstellungen in der Bevölkerung insgesamt decken sich mit bisherigen Befunden. Die beliebtesten Nachbarn sind „Deutsche“: „Deutsche“ werden von 71,4 % als Nachbarn wertgeschätzt, nur 2,0 % fänden „Deutsche“ unangenehm und 26,6 % teils/teils. Der Wert der „Deutschen“ ist noch etwas höher als der Wert der Christen. 61,0 % finden diese angenehm, 36,1 % teils/teils und 2,9 % finden sie unangenehm. Der Wert für Juden ist bereits deutlich niedriger: 51,3 % empfinden sie als eher angenehme Nachbarn, 42,8 % antworten mit teils/teils und ganze 5,9 % finden Juden als Nachbarn eher unangenehm. Muslime stehen noch deutlich schlechter da. 25,0 % der Befragten empfinden Muslime als Nachbarn eher angenehm. 50,9 % beantworten die Frage mit „teils/teils“ und beachtliche 24,0 % antworteten mit „eher unangenehm“.

Zu den abgefragten Gruppen gehören neben religiösen Gruppen auch ethnische Gruppen. Das Schlusslicht in der Wertschätzung bilden Sinti und Roma. 33,9 % schreiben ihnen zu, eher unangenehme Nachbarn zu sein, 46,0 % antworteten mit teils/teils und lediglich 20,9 % meinen, sie seien eher angenehmen Nachbarn. Weitere Ethnien wurden abgefragt, aber keine weiteren Religionszugehörigkeiten. Bei Buddhisten und Hinduisten ist dies verständlich. Eine Abfrage der Einstellung gegenüber Nichtreligiösen wäre indes wünschenswert gewesen, ist doch inzwischen jeder Dritte in Deutschland nicht mehr religiös. Interessant ist, dass das Deutschsein noch etwas angenehmer wirkt als das Christlichsein. Womöglich deutet sich damit an, dass in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend die deutsche Identität positiver und als eine die Unterschiede transzendierende Identität gesehen wird, während das Christentum als gesamtgesellschaftliche Klammer langsam schwächer wird.

12,2 % der ethnischen Türken empfinden Juden als Nachbarn unangenehm

Die Studie fragt auch die Toleranz einzelner Gruppen gegenüber anderen Gruppen ab. Leider werden die Gruppen nur nach ethnischen Hintergründen gebildet, nicht nur religiöser und weltanschaulicher Bindung. So lässt sich lediglich die Toleranz gegenüber einzelnen Religionen innerhalb der ethnischen Gruppen ablesen und nicht die Toleranz der Anhänger von Religionen. Als unangenehm empfinden 5,9 % der ethnischen Deutschen Juden als Nachbarn. Bei Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion ist dieser Wert mit 5,4 % etwas niedriger, was auch daran liegen mag, dass zahlreiche Juden in Deutschland aus eben jenen Gebieten eingewandert sind. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 8,7 % und bei den ethnischen Türken auf 12,2 %. Einwanderung hat dadurch nicht nur jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich gemacht, sondern zieht auch ein neues antisemitisches Potential nach sich.

Da „Türken“ meist mit Muslimen gleichgesetzt werden, erlauben die die Türken betreffenden Zahlen auch Rückschlüsse auf die Toleranz gegenüber Muslimen. Das Gesamtergebnis der Befragung besagt, dass 19,4 % türkische Nachbarn als eher unangenehm einstufen. Von den ethnischen Deutschen bezeichnen 19,5 % türkische Nachbarn als eher unangenehm. Bei den Einwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind es 23, % und bei den ethnischen Polen 22,8 %. Aber auch von den ethnischen Türken selbst empfinden 6,8 % andere Türken als Nachbarn eher unangenehm. Dies könnte damit zu tun haben, dass eine „deutsche“ Nachbarschaft nicht selten als sozialer Aufstieg gesehen wird.

Ein Gradmesser gesellschaftlicher Toleranz ist auch die Einstellung gegenüber Homosexuellen. 8,5 % der ethnischen Deutschen sehen in ihnen unangenehme Nachbarn. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 12,3 %. Bei den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion steigt die Ablehnung von Homosexuellen als Nachbarn auf 33,8 % und bei ethnischen Türken sogar auf 37,8 %. Die politisch-kulturelle Prägung des Herkunftslands wirkt offenbar spürbar nach.

Benachteiligte Gruppen sind nicht frei von eigenen Vorbehalten

Wie können die Ergebnisse der Studie interpretiert werden? Zum einen zeigen die Zahlen, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland nach wie vor weit verbreitet ist. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass diejenigen Gruppen, gegenüber denen in der breiten Gesellschaft Vorbehalte bestehen, keineswegs frei von eigenen Vorbehalten sind. Als Einwanderungsgesellschaft importiert Deutschland wie jede andere Einwanderungsgesellschaft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Vorurteile im Gewand kultureller, politischer und religiöser Prägung.  Nur weil jemandem von der Gesellschaft keine Offenheit entgegengebracht wird, wird er nicht automatisch selbst zu einem Befürworter von Offenheit – auch wenn er Offenheit gegenüber der eigenen Gruppe einfordert.

Abbau von Vorbehalten erfordert Anstrengung auf allen Seiten

In einer vielfältigen Gesellschaft ist jeder Einzelne von uns auf die Toleranz und das grundsätzliche Wohlwollen anderer angewiesen. Daher müssen wir daran arbeiten, Vorurteile und Vorbehalte abzubauen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße und erfordert Anstrengung auf allen Seiten. Letztlich zeigt die Umfrage aber auch, dass ein Anfang gemacht ist und viele Menschen in Deutschland – in allen Bevölkerungsgruppen – tolerant sind.

 

Die Daten finden Sie in der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts auf den Seiten 97 und 98:

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/FB_127.pdf