Positionen

8. Juni 2011

Religiöse Symbole im Schulalltag

Sonja Völker, Mitglied im Vorstand des Forums Offene Religionspolitik (FOR)

Darf in einem Klassenzimmer an einer staatlichen Schule ein Kruzifix hängen – und darf dies durch Landesrecht vorgeschrieben werden? Darf eine muslimische Lehrerin im Unterricht Kopftuch tragen? Mit einem Plädoyer für eine stärkere Unterscheidung zwischen Institution und Person eröffnet Sonja Völker, Redakteurin dieses Blogs, unsere Schwerpunkt-Reihe „Religion und Schule“.

Die Frage nach dem Kruzifix im Klassenzimmer an einer staatlichen Schule lässt sich aus der Perspektive einer offenen Religionspolitik leicht beantworten: Der Staat muss die Religionsfreiheit des Einzelnen schützen und darf keine Religion oder Weltanschauung bevorzugen oder benachteiligen, solange sie nicht in Widerspruch zum Grundgesetz stehen. Das Kreuz ist kein bloß kulturelles Symbol, sondern ein eindeutig christliches Zeichen. Daher darf kein Landesgesetz vorschreiben, dass Kreuze in Klassenzimmern angebracht werden müssen – und selbstverständlich auch keine anderen religiösen Symbole.

Anders verhält es sich mit der Frage, ob die Menschen, die in staatlichen Institutionen arbeiten, durch Kleidung und Erscheinungsbild ihre religiöse Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen dürfen. Konkret: Darf eine Lehrerin ein Kopftuch, eine Kette mit Kreuzanhänger, eine Ordenstracht tragen?

Nein, argumentieren viele. Ein Lehrer, eine Lehrerin müsse sich neutral kleiden, um keinen Einfluss auf die Kinder im Klassenzimmer zu nehmen. Wenn eine Lehrerin mit Kopftuch vor der Klasse steht, könnte das ihre Schülerinnen und Schüler darin beeinflussen, was sie für eine Frau für die angemessene Kleidung halten. Die Mädchen im Klassenzimmer könnten sich fragen, ob sie vielleicht auch ihre Haare bedecken sollten. Das greife aber in das Erziehungsrecht der Eltern ebenso ein wie in das Recht der Mädchen auf Selbstbestimmung. Von einer Lehrerin müsse man neutrale Kleidung verlangen.

Ich frage mich: Was soll denn neutrale Kleidung sein?

Bleiben wir beim Kopftuch-Beispiel, das immer wieder hitzige Diskussionen auslöst. Ja, es mag sein, dass eine Lehrerin, die Kopftuch trägt, zumal von muslimischen Mädchen als Vorbild empfunden wird. Dasselbe gilt jedoch auch für eine Lehrerin, die ihre Haare offen trägt. Eine Schülerin, die bislang Kopftuch getragen hat, könnte durch das bloße Erscheinungsbild einer Lehrerin, die sie mag, auf die Idee kommen, ihr Kopftuch abzulegen. So betrachtet sind offene Haare genauso wenig neutral wie ein Kopftuch; der Minirock so wenig wie eine lange Hose.

Dass eine Frau ihre Haare offen trägt, ist in Deutschland nun mal Tradition, werden viele einwenden. Ebenso ist das Kreuz, das eine Frau vielleicht als Anhänger um den Hals trägt, zumindest auch ein traditionelles Symbol, weil das Christentum Deutschland in seiner gesamten Geschichte entscheidend geprägt hat.

Das stimmt zwar, lautet meine Antwort. Eben diese Argumentation, die sich auf bloße Tradition beruft, will eine offene Religionspolitik jedoch aufbrechen. Die Realität in Deutschland hat sich gewandelt. Unser Land ist vielfältiger geworden, und das gilt auch für die Traditionen, denen wir uns verbunden fühlen. Wir können nicht länger damit argumentieren, dass die „Eingewanderten“ sich der Tradition derer, die „zuerst da waren“, anzupassen hätten. Wer in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland lebt, gehört hierher und hat ein Recht auf Gleichbehandlung gegenüber allen anderen Deutschen. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich – egal welcher Religion oder Weltanschauung, egal welchen Kulturen sie sich zugehörig fühlen.

Was bedeutet das nun für die Kleidung und das Aussehen von Lehrerinnen und Lehrern an staatlichen Schulen? Mein Vorschlag ist: Wir sollten die Blickrichtung ändern. Lehrer und Lehrerinnen sind in ihrer Haltung und ihrem Umgang mit Menschen immer in einem gewissen Maße Vorbilder. Wir können nun argwöhnisch darauf schielen, wer auf welche Weise seine persönliche Religiosität zum Ausdruck bringt. Wir können aber auch vielmehr die Chancen in einem bunt gemischten Lehrerkollegium sehen, das trotz aller Unterschiede eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts vorlebt – untereinander ebenso wie im Umgang mit Schülerinnen und Schülern.

Ein als Institution nur dem Grundgesetz verpflichteter Raum, in dem der einzelne Mensch mitsamt seiner persönlichen Religion oder Weltanschauung wertgeschätzt wird: Das wäre die Art von Schule, die ich mir für meine eigenen Kinder wünschen würde.



About the Author

Sonja Völker
Sonja Völker ist Vorstandsmitglied des Forums Offene Religionspolitik und Redakteurin dieses Blogs. Sie studiert Geschichte, Latein und Griechisch an der Universität Tübingen. Du erreichst Sonja unter sonja.voelker@offene-religionspolitik.de.




 
 

 
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6 Comments


 
 

  1. Emine

    Für mich als Lehramtsstudierende ist die Debatte der offenen Religionspolitik ein wichtige Angelegenheit. Wenn mich Menschen nach meiner Heimat fragen, antworte ich Esslingen. Meist erfolgt darauf ein überraschte Reaktion. Da man aufgrund meines Kopftuches annehmen könnte, ich würde die Türkei als meine Heimat sehen. Meine Eltern sind in jungen Jahren nach Deutschland immigriert. Ich bin allerdings in Deutschland geboren und aufgewachsen und sehe die hiesige Kultur als die meine an. Manchmal denke ich, dass ich schwäbischer bin als manch anderer :) Oft kommt es vor, dass einige aufgrund meiner religiösen Orientierung und meines Aussehens mich nicht als Deutsche aktzeptieren. Das ist schade, ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich hierher gehöre.

    In Baden- Württemberg ist das Tragen des Kopftuches als Lehrerin verboten. Ich habe lange darüber nachgedacht. Es war nämlich auch ein innerer Konflikt für mich. Wie soll es denn gehen, dass ich Schülerinnen und Schüler nicht beeinflusse, wenn ich meine religiöse Orientierung so offen darlege. Genau das ist mein Ziel. Schülerinnen und Schüler sollen sich durch meine Weltanschauung und Meinungen nicht beeinflussen lassen. Vielmehr möchte ich ihnen helfen, ihren eigenen Weg im Leben zu finden und ihnen Mut geben ihn zu meistern. Ich möchte ihnen Wege zeigen, ihren eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber wie soll ich das tun, wenn ich meinen Prinzipien nicht treu bleibe? Wenn ich vor dem ersten Hindernis, das sich vor mir aufstellt, aufgebe. Daher habe ich mich dazu entschieden, mein Kopftuch nicht abzulegen.
    Auch in meinen bisherigen Praktika hat sich gezeigt, dass sich die Schülerinnen und Schüler zunächst über mein Kopftuch gewundert haben, aber nach einigen Minuten haben sie gemerkt, dass ich wie jede andere Lehrerin auch bin.
    Ich kann es verstehen, dass Eltern etwas dagegen haben und Befürchtungen hegen, ich könne ihre Kinder beeinflussen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, allerdings sollten wir die Kinder nicht unterschätzen. Sie sind sehr wohl in der Lage zu differenzieren. Eine Lehrerin mit Koptuch würde vielleicht dazu beitragen, dass sie die Deutschland so bunt sehen, wie es ist und ihren Horizont erweitern.


    • Sven Speer

      Liebe Emine, vielen Dank für deinen interessanten und differenzierten Beitrag. Ich freue mich sehr, dass duch dich von immer wieder auftauchenden Ablehnungen nicht abbringen lässt, Deutschland als deine Heimat anzusehen. Dein Beispiel zeigt, wie sehr persönlicher Kontakt die Fähigkeit der Menschen erhöht, mit Unterschieden tolerant umzugehen. Wenn du möchtest, kannst du gern einen Beitrag für unsere Homepage schreiben, indem du deine Erlebnisse und deine Überlegungen mit uns und anderen teilst. Ich glaube, dass deine Gedanken für viele eine Hilfe sein können.


  2. Ich glaube es geht nicht um streiten. Es geht auch nicht um das betonen es müsste unbedingt immer wieder betont werden das die Kirchen oder das Christentum eine prägende Rolle gespielt haben. Es geht darum das es so ist. Es ist eben wie bei einer Person. Sie kann sagen ich kenne meine Eltern nicht und kann ihre Prägung komplett leugnen und kommt doch nicht umhin, sich eingestehen zu müssen das sie nun mal von ihren Eltern geprägt ist. Ich meine wer im Heute für ein vernünftigen Morgen denken will, muss sich mit seiner Vergangenheit versöhnen. Das betrifft uns Deutsche auch. Das schließt die Kritik an Dingen die negativ waren durchaus mit ein. Nur einfach so tun als ob alles nicht gewesen wäre ist das wie das verhalten eines Kindes. Es hält sich die Augen zu und meint dann das es nicht mehr ist, und auch die anderen es nicht sehen. So ist es nicht. Das ist was ich meine. Im Umgang mit anderen Religionen werden wir nicht drum rum kommen zu erklären warum wir so sind wie wir sind. Der Dazukommende muss sich dieser Geschichte stellen und wir täten gut daran uns auch seiner Geschichte, incl. seiner religösen Prägung zu stellen.


    • Sich der Geschichte zu stellen ist etwas ganz anderes als sie zu bejahen. Für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte würde ich mich jederzeit aussprechen, darin stimme ich dir zu. Allerdings hätte das dann für mich mehr mit Fragen nach dem Woher und Warum einer bestimmten Konstellation, in der wir heute leben, zu tun – und weniger mit der Frage, wie es denn künftig sein soll. Wie gesagt: Das, was ich mir unter hilfreicher Auseinandersetzung mit der Geschichte vorstelle, müsste mit einer gewissen kritisch-nachdenklichen Distanz vor sich gehen. Und man kann durchaus eine Menge aus der Geschichte lernen, im Positiven wie im Negativen. Die Geschichte pauschal zu bejahen ist aber etwas ganz anderes.


  3. Hallo,
    möchte den ausgeführten Gedanken noch einen Hinzu fügen. Zur Zeit ist unsere Demokratie nicht laizistisch aufgestellt. Ich denke das liegt einfach daran, das sich Europa in vielen Werten die im Humanismus ihren Niederschlag fanden, auf christliche Werte gegründet haben. Was ich damit sagen will ist, es gibt eine historische Entwicklung die nicht einfach für nicht mehr zeitgemäss beiseite geschoben werden kann, sie ist ja Teil unseres geworden seins, genauso wie Kinder auch nicht sagen können, meine Eltern gehörn nicht mehr zu mir. Sie können aber sagen ich bin nun mündig und will mich weiter entwickeln oder gar abgrenzen. In dieser Situation befinden wir uns z.Zt. Ich glaube das aus dieser Sicht, Konsequenzen abzuleiten sind wie sie sich in Familienpolitischen Aspekten darstellen. Unser Staat hat ein an Eltern gekoppeltes Familienmodell im Grundgesetz verankert. Dieses Familienmodell ist auch ein Erziehungsmodell und schließt z.Zt. bestimmte Familienkonstellationen aus, wie z.B. Polygamie aus. Ebenso ist die Gleichberechtigung eine Weiterentwicklung die wichtiges Gut unserer Landschaft geworden ist. In Achtung dieser Zusammenhänge halte ich es durchaus für berechtigt ein Kreuz im Klassenzimmer hängen zu haben, zumal ja viele Schulen eine kirchliche Historie haben die im Rückblick an den Gründer immer wieder zu Sprache kommen soll und muss. Eine islamische Historie gibt es in unserem Land nicht. Es geht darum vielmehr darum eine Chancengleichheit auch für Personen anderer Religionen in unserem Land zu erreichen. Das diese Personen aber die geschichtliche Entwicklung bejahen müssen und darum auch mit Symbolen wie sie in einem christlich Geprägten Land nunmal sind auch muss meines Erachtens auch gesagt werden. Mir fehlt dieser Gedanke zu sehr, obwohl ich, wenn auch christlich, nicht den großen Kirchen angehöre die sicherlich bevorzugt behandelt werden, meine ich doch das hier eben auch eine Achtung getaner Arbeit und Prägung beachtet werden muss.


    • Man kann sich lange und trefflich darüber streiten, welche historischen Entwicklungen in unserem Land auf den Einfluss der Kirchen und des Christentums zurückzuführen sind und welche in Widerspruch zu ihnen standen. Das gilt für den Humanismus, die Aufklärung, die Sozialdemokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts… und so weiter. Je länger ich die Debatten darüber verfolge, desto mehr frage ich mich: Warum sollte das eigentlich so entscheidend sein?
      Ich möchte damit nicht leugnen, dass das Christentum eine der prägenden Kräfte in unserer Geschichte war. (Wohlbemerkt: eine neben vielen, so wie Geschichte nie eindimensional verstanden werden kann.) Ich kann es aber, je länger die Debatte tobt, umso weniger nachvollziehen, warum so ein großes Bedürfnis danach herrscht, das Christliche in unserer Geschichte hervorzuheben. Deutlich einfacher hätten wir es, wenn wir uns daran halten würden, was hier in Deutschland die grundlegenden Regeln für das Zusammenleben sein sollen – und nicht darum kämpfen würden, wer denn nun was davon zu welcher Zeit geprägt hat. Auf einmal wären die Gräben gar nicht mehr so tief.
      Um nun auf das Argument zu antworten, wir sollten Kreuze in Klassenzimmer hängen, um unsere Achtung vor “getaner Arbeit und Prägung” auszudrücken: Na, dann dürften wir aber nicht nur ein Kreuz aufhängen, sondern müssten in jedem Klassenzimmer eine ganze Wand behängen mit Verweisen auf Menschen und geistige Strömungen, die unser Land geprägt haben. Das Christentum ist da, noch einmal, nicht der einzige Einfluss. Und ich sehe auch nicht, warum jede_r, der/die heute in Deutschland lebt, die deutsche Geschichte bejahen und achten müsste. Einmal davon abgesehen, dass ich niemanden kenne, der das tut: Das verlange ich auch von niemandem. Es gibt ganz sicher Teile der deutschen Geschichte, die ich selbst als Bio-Deutsche nicht sonderlich schätze. Was ich von denen verlange, die heute in Deutschland leben, ist, dass sie sich im Hier und Jetzt als Teil der Gesellschaft in Deutschland verstehen und einbringen. Der Forderung, auch noch die deutsche Geschichte zu bejahren, möchte ich entschieden widersprechen. Es wäre mir wesentlich wohler dabei, wenn wir alle ein kritisch-nachdenkliches Verhältnis zur Geschichte hätten. Und sei es, um festzustellen, dass die Behauptung, Deutschland sei einzig und vor allem durch das Christentum geprägt worden, viel stärker bestimmten heutigen Interessen entspringt als den historischen Begebenheiten, die – wie immer – deutlich komplexer sind.


 
 



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