Was hat Terror mit Islam zu tun? Und warum sollten wir uns sorgen, wenn es wenig ist?

    „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Etliche Islamkritiker und Islamophobe benutzen diesen Satz inzwischen zynisch, um ihre Haltung auszudrücken, für islamistischen Terror seien der Islam oder die Muslime insgesamt zu einem guten Teil verantwortlich. Andererseits werden Muslime weltweit nicht müde zu betonen, dass Terror kein Teil des Islam ist. Die Debatte ist letztlich müßig, da sie rein symbolisch ist. Im Übrigen ist dies ein typisches Phänomen bei der Bildung neuer religiöser Gemeinschaften: Die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche betrachten sich wechselseitig als Abspaltung, sich selbst aber als Fortführung. Die römisch-katholische Kirche erkennt die evangelischen Kirchen theologisch nicht in vollem Sinne als Kirche an, die evangelischen Kirchen sehen sich selbst aber als Wiederherstellung der alten Kirche. Und so attestiert sich u.a. der Islamische Staat islamisch zu sein, was viele Muslime verneinen – und die im Übrigen den Großteil seiner Opfer stellen.

    Ideengeschichtliche Wurzeln im Islam

    Ideengeschichtlich wurde die Saat für den islamistischen Terror womöglich im 13. Jahrhundert durch den islamischen Gelehrten Taqī ad-Dīn Ahmad ibn Taimīya gelegt. Unter dem Eindruck des Einfalls der Mongolen und des Untergangs des Abbasidenkalifats lehrte er eine Rückkehr zum vermeintlich ursprünglichen Islam, lehnte den mystischen Sufismus ab und sah den Dschihad als Pflicht jedes Moslems an – wobei seine Interpretation der gewaltsame Kampf gegen Ungläubige, insbesondere in seinen Augen ungläubige Muslime war. Wirklich verfangen haben seine Ideen unter seinen Zeitgenossen nicht. Von Brandschatzungen abgesehen dürfte es einem Großteil der Bevölkerung recht gleichgültig gewesen sein, wer sie ausbeutet, und die Mongolen konvertierten darüber hinaus rasch zum Islam.

    Mit der Zeit entwickelten Gelehrte seine Ideen weiter, unter anderem Abdul Wahhab im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel. Im Bündnis mit Mohammed ibn Saud eroberte er die Halbinsel und verlangte dabei von denjenigen, die sich eigentlich bereits als Muslime verstanden, die Konversion zum Islam – zu seinem Islam. 1804 erstürmten die Nachfahren der beiden Medina und zerstörten die Gräber der Gefährten Mohammeds. Anschließend eroberten sie Mekka und rissen einen Schrein nieder, der den Geburtsplatz Mohammeds markierte. Daraufhin griff der muslimische Herrscher von Ägypten ein und unterbrach das wahhabitische Intermezzo auf der Halbinsel.

    Ganze Bücher wurden über die Entwicklungen davor und danach gefüllt. An dieser Stelle soll es genügen, zu zeigen, dass der Islamismus zwar aus dem Islam hervorgegangen ist, aber keinesfalls der Islam ist. Vielmehr beobachten wir einen jahrhundertelangen Kampf um die Deutungshoheit. Westliche Stimmen, die Islam und Islamismus gleichsetzen, sind für Islamisten dabei eine willkommene Unterstützung.

    Islamistischer Terror wächst über den Islam hinaus

    Wie wenig „mittelalterlich“ der Islamismus ist, zeigt sich daran, dass seine mit Abstand erfolgreichste Phase in der Moderne liegt. Auf die Situation im Nahen und Mittleren Osten möchte ich dabei nicht eingehen, sondern die Erfolge des IS im Westen untersuchen. Aktuelles Beispiel ist der Terroranschlag eines 29jährigen US-Amerikaners mit afghanischen Wurzeln in Orlando, der 50 Besucher des Pulse, einem schwulen Club, ermorderte. Wie konnte es dazu kommen? Es ist zu einfach darauf zu verweisen, dass er einen islamischen Hintergrund hat. Zwar ist – nach den Zahlen des BKA u.a. für Deutschland – der überwältigende Teil der nach Syrien und in den Irak Ausgereisten mit einem islamischen Hintergrund aufgewachsen, aber ein Großteil von ihnen waren keine „praktizierenden“ Muslime. In Moscheen war nur jeder Dritte aktiv. Fast jeder Fünfte war kein Moslem. Kontakt zu salafistischen Kreisen hatten jedoch zwei Drittel von ihnen.

    Der IS kann für seinen Terror offensichtlich leichter (nichtpraktizierende) Muslime rekrutieren als Nichtmuslime, aber die Zahl der Nichtmuslime ist erschreckend hoch. Wenn es der höchst professionellen Propaganda des IS gelingt, künftig besser Nichtmuslime anzusprechen, könnte noch ein weit größeres Potential an Terror gehoben werden. Oder wenn andere Ideologien ähnliche Strategien wie der IS entwickeln… Denn letztlich trifft der islamistische Terror einen Nerv: Immer mehr Menschen weltweit haben Zeit, sich über Grundfragen des Lebens Gedanken zu machen, finden aber aus verschiedensten Gründen keinen Sinn in ihrem Leben. Zu viele in unseren Gesellschaften sind kaum eingebunden und vernetzt. Die sozialen Bindungen sind bei zu vielen sehr schwach. Der Terrorismus bietet das Versprechen, Teil eines großen Ganzen zu sein, was nicht wenigen offenbar fehlt. Durch das Internet, das kaum zu kontrollieren ist, finden selbst so genannte „einsame Wölfe“ Anschluss an eine weltweite Bewegung und Informationen zur Planung und Umsetzung eines Anschlags („lone-wolf terrorists“).

    Potential für (mehr) Terror in freien Gesellschaften

    Dies sind die Schattenseiten der freien Gesellschaften, in denen nur wenige jeden Tag ums Überleben bangen müssen, in denen Kommunikation fast unbeschränkt möglich ist und in denen jeder seinen Platz in der Gesellschaft finden kann und muss. Diese Sicherheitslücken stehen nicht nur offen für den islamistischen Terror, sondern auch für andere. (Das gleiche gilt freilich auch für unfreie Staaten, die ihre Gesellschaften in diesem Sicherheitsbereich nicht kontrollieren können oder wollen und ist wesentliches Teil des Problems.) Der Rechtsextremismus rekrutiert sich  ähnlich, wenn auch weniger professionell und hierarchisch starrer. Die bereits hohe Zahl derjenigen ohne islamischen Hintergrund unter den islamistischen Terroristen zeigt die Gefahr auf, der wir ausgesetzt sind, wenn der IS künftig immer mehr Nichtmuslime rekrutiert oder es anderen terroristischen Strömungen gelingt, die Methoden des IS zu kopieren. Der Fall des vom ukrainischen Geheimdienst festgenommenen Franzosen, der Anschläge auf Moscheen und Synagogen plante, macht dies deutlich.

    Die Frage, was der Islam theologisch mit dem islamistischen Terror zu tun hat, ist für viele Terroristen nicht sonderlich interessant. Sie lenkt aber ab von dem weit größeren terroristischen Potential, das noch ungehoben in unsereren Gesellschaften schlummert.

    Sven W. Speer
    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.