Mit dem FOR die religiöse Vielfalt Berlins erlebt

von Michael Mahler

Was hat man nicht schon alles von Hinterhof-Moscheen gehört. Oft nichts Gutes. Wer weiß denn schon genau, was bärtig-grimmige Männer hinter diesen Mauern so alles aushecken? Das „Forum Offene Religionspolitik“ (FOR) hat eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen: bei der „Langen Nacht der Religionen“.

„Wer einen Menschen tötet,“ zitiert Kilic aus einer Sure, „dann ist es, als ob er die gesamte Menschheit getötet habe.“ Überhaupt würde vergessen, dass Allah im Islam stets als derjenige beschrieben werde, „der barmherzig und gnädig ist“.

Erste Station: Die Semerkand-Moschee in Berlin-Mitte. Eine Hinterhof-Moschee zwar, aber einen verschworenen Sitzkreis alter Männer findet man nicht vor. Stattdessen tollen zwei kleine Mädchen über den roten Gebetsteppich, während der Vereinsvorsitzende des Semerkand-Kulturzentrums, Ali Kilic, den Besuchern das Gemeindeleben vorstellt. Hierher kämen Gläubige mit türkischen oder kurdischen Wurzeln gleichermaßen. Die Gemeinde legt somit nicht nur Wert auf einen offenen Umgang mit allen Religionen und Institutionen. Sie lebt auch selbst Vielfalt. Im Austausch scheint es fast, als triebe sie der Terror des sogenannten „Islamischen Staats“ sogar noch mehr um, als ihre christlichen und nicht-religiösen Besucher. „Wer einen Menschen tötet,“ zitiert Kilic aus einer Sure, „dann ist es, als ob er die gesamte Menschheit getötet habe.“ Überhaupt würde vergessen, dass Allah im Islam stets als derjenige beschrieben werde, „der barmherzig und gnädig ist“. Kilic nimmt eine Gebetskette von der Wand: Die Misbaha, eine Art islamischer Rosenkranz. Islamisten lehnten diese als unislamisch strikt ab, weil der Prophet Mohammed sie selbst nie benutzt haben soll. „Ein Flugzeug gab es zu Mohammeds Zeiten auch nicht,“ stellt Kilic fest. „Da haben sie aber kein Problem, dieses zu benutzen.“ Die Misbaha hat 99 Perlen und hilft im Gebet dem Abzählen der 99 Namen Allahs. Vor allem im Sufismus ist die Gebetskette zuhause. Dieser besonders spirituellen Strömung rechnet sich auch die Semerkand-Moschee zu. Was auch immer man also vorher schon über den Islam wusste: Am Ende war das eigene Bild wohl trotzdem noch etwas bunter.

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Die Mormonen verstehen sich selbst als Christen, auch wenn man ein Kreuz in ihren Räumen vergeblich sucht. Das fehlende Kreuz solle den Glauben mehr auf die Auferstehung ausrichten, erklärt Bischof Gregory Fawson.

„Hast du schon vom Buch Mormon gehört?“ Eine Frage, die vielleicht dem einen oder anderen Passanten auf der Straße schon einmal gestellt wurde, von Missionaren mit Anzug und Namensschild. Sonst dürfte das eigene Bild von den Mormonen aber bei den meisten ziemlich blass sein. In dieser „Langen Nacht der Religionen“ sollte es etwas mehr Farbe bekommen: Das „Forum Offene Religionspolitik“ war bei der „Kirche Jesu Christi, den Heiligen der letzten Tage“ zu Gast. Eine Gemeinschaft, die eigenen Angaben zufolge in Deutschland knapp 40.000 Mitglieder hat. Bei der Führung durch ihr Berliner Gemeindehaus – in dem auch eine große Turnhalle nicht fehlen darf – wird manches klarer. Die Mormonen verstehen sich selbst als Christen, auch wenn man ein Kreuz in ihren Räumen vergeblich sucht. Das fehlende Kreuz solle den Glauben mehr auf die Auferstehung ausrichten, erklärt Bischof Gregory Fawson. Der zentralste Unterschied zu den anderen christlichen Kirchen ist jedoch das Buch Mormon. Es steht gleichberechtigt neben der Bibel und soll auf den von dem Engel Moroni geoffenbarten Schriften beruhen. Religionsgründer Joseph Smith gilt als Urheber des Buchs, das für Mormonen ein weiteres Evangelium beinhaltet. Trotz eines hierarchischen Aufbaus darf in der Kirche jede und jeder predigen – von Kindesbeinen an. Schließlich stehe der Name der „Heiligen der letzten Tage“ dafür, dass jeder Mensch selbst zu einem Propheten werden kann. Und so sind einige Fragezeichen aus den Augen der Besucher dann doch verschwunden.

Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden.

Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden.

Fragezeichen sind offenbar auch die Quäker gewohnt. Sie haben sogar ein Quiz vorbereitet, als die Freunde und Mitglieder des FOR in ihr kleines Büro in der Berliner Planckstraße drängen. Auch die „Religiöse Gesellschaft der Freunde“, wie die Quäker offiziell heißen, begreifen sich als Christen. So lautet eine Quizfrage: Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden. Jesus gilt ihnen als Vorbild, um nach Werten wie Einfacheit und Gleichwürdigkeit aller Menschen zu leben. Eine feste Lehre gibt es nicht. Auch die gemeinsamen Andachten folgen keiner bestimmten Liturgie. In der schlichten Stille dieser Zusammenkunft suchen Quäker sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und von Negativem wie Angst und Egoismus frei zu werden. Jedoch können dort auch spirituelle Erfahrungen ausgetauscht werden. Für die im ganzen Bundesgebiet verstreuten Quäker ist der regelmäßige Besuch einer Andacht aber aufgrund ihrer geringen Zahl keine Selbstverständlichkeit. So fällt die Antwort auf die Frage, wie viele Quäker es in Deutschland offiziell gibt, für die meisten Besucher verblüffend aus: Es sind tatsächlich nur 250. Während das deutsche Quäkertum liberal geprägt ist, herrscht weltweit in der lose strukturierten Gemeinschaft eine große Vielfalt an Richtungen. Allerdings brachte auch die weltweit kleine Gruppe von lediglich 350.000 Quäkern bedeutende Organisationen hervor: Sowohl die Menschenrechtsorganisation Amnesty International als auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte Quäker unter ihren Gründungsmitgliedern. Eine nicht weniger interessante Erkenntnis des Quäker-Quiz‘.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus. Der eine oder die andere ließ sich noch eine der angebotenen koscheren Leckereien schmecken. Und dann war die „Lange Nacht der Religionen“ für dieses Jahr auch schon wieder vorbei. Ein wohl für alle lohnender Abend, bei dem eine religiöse Vielfalt Deutschlands zu erleben war – aber keine abgeschottete Hinterhof-Moschee.

Der Einladung des „Forums Offene Religionspolitik“ waren ein Dutzend Interessierte gefolgt.

 

Weitere Impressionen des Abends

Fotos: Marcel Schiller/Forum Offene Religionspolitik