Humanistischer Verband: Eine Sekte wegen eines eigenen Feiertags?

    „Doch jene, die den Humanistischen Verband für eine Sekte und Lebenskunde für Gehirnwäsche halten, können sich bestätigt fühlen. Und ganz unrecht haben sie in diesem Fall nicht.“ Mit diesen Worten fällt Anna Lehmann in der taz.berlin vom 9.12.14 („Zwang zum Bekenntnis“ ) über den Humanistischen Verband (HVD) das wohl vernichtendste Urteil, das über eine Gemeinschaft in Deutschland ausgesprochen werden kann. Der Stein des Anstoßes für sie? Humanistische Kinder haben in Berlin künftig das Recht, den Welthumanistentag am 21. Juni auf Antrag unterrichtsfrei zu begehen. Wie oben zitiert, hält sie die humanistische Lebenskunde an Schulen darüber hinaus für Gehirnwäsche – oder würde einen solchen Vorwurf nicht ganz falsch finden.

    Vier Gründe, warum die Unterstellung kaum absurder sein könnte:

     

    1) Die Unterrichtsbefreiung der Humanisten ist bescheiden

    Während die Humanisten auf Antrag am 21. Juni unterrichtsfrei haben, gehen die Regelungen für andere Gemeinschaften laut Ferienkalender des Landes Berlin deutlich weiter: Katholische Schülerinnen und Schüler haben an drei Tagen keinen Unterricht (Heilige Drei Könige, Fronleichnam, Allerheiligen), hinzu kommen Unterrichtsbefreiungen an vier Tagen zum Besuch von Gottesdiensten (Aschermittwoch, Peter und Paul, Allerseelen, Hochfest der Gottesmutter). Evangelische Schüler kommen auf zwei unterrichtsfreie Tage: den Reformationstag und den Buß- und Bettag. Für einzelne Stunden haben sie am 6. Januar frei. Die für alle Schülerinnen und Schüler freien Feiertage sind im Übrigen fast sämtlich christlich begründet: Karfreitag, Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag sowie die beiden Weihnachtstage.

    Jüdische Schülerinnen und Schüler haben an dreizehn Tagen unterrichtsfrei, die folgende Feiertage umfassen: Fest des ungesäuerten Brotes, Wochenfest, Neujahrsfest, Versöhnungsfest, Laubhüttenfest, Schlussfest und Gesetzesfreude. Muslimische Schülerinnen und Schüler sind für das Ramadanfest und das Opferfest beurlaubt. Neben dem Welthumanistentag für Humanisten sind ebenfalls neu hinzugekommen das orthodoxe Weihnachtsfest für die orthodoxen Christen und Asure für die Aleviten. Wer also meint, der Welthumanistentag sei etwas Absonderliches im Sinne von sektenhaft, irrt. Unterrichtsbefreiungen sind Alltag in Berlin und für die Humanisten im Vergleich bescheiden.

    2) Der HVD hat als Weltanschauungsgemeinschaft die gleichen Rechte wie die Religionen

    Anna Lehmann wirft dem Humanistischen Verband vor, ein Feiertag hebe „den Verband auf eine Stufe mit Religionsgemeinschaften und kratzt gleichzeitig an seiner Glaubwürdigkeit“. Dazu ist folgendes zu sagen: Der Humanistische Verband bedarf keines Feiertags, um sich auf eine Stufe mit Religionsgemeinschaften zu stellen. Artikel 140 Grundgesetz besagt in Verbindung mit Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung: „Den Religionsgesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.“

    Ob und inwieweit Weltanschauungsgemeinschaften (und Religionsgemeinschaften) die im Grundgesetz angelegte positive Neutralität für sich nutzen, ist dabei ihnen selbst überlassen. Da hilft auch Lehmanns Vorwurf nicht, dass die Zahl der Nichtgläubigen höher ist als die der Mitglieder des HVD. Entscheidend für den religiös-weltanschaulich neutralen Staat ist nicht, ob eine Weltanschauungsgemeinschaft alle vertritt, die meinen ähnliche zu denken, sondern dass die Gemeinschaft Menschen mit gleicher Weltanschauung vereint. Freilich müssen sich auch nicht alle Atheisten, Agnostiker und Humanisten im HVD wiedererkennen. Aber es ist auch niemand gezwungen, bei ihm Mitglied zu werden.

    3) Humanistische Lebenskunde ist keine Gehirnwäsche, sondern ein attraktives Angebot

    Die Humanistische Lebenskunde in Verantwortung des Humanistischen Verbandes wird in Berlin analog zum Religionsunterricht als freiwilliges Fach angeboten. Anders als in den meisten Bundesländern ist in Berlin Religionsunterricht kein ordentliches Unterrichtsfach und somit können Eltern und Schülerinnen und Schüler über den Besuch frei entscheiden. Davon machen in Berlin neun Gemeinschaften Gebrauch: die evangelische und die katholische Kirche, die Jüdische Gemeinde Berlin, die Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland, die Islamische Föderation, das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten, die Buddhistische Gesellschaft in Berlin, die Christengemeinschaft und eben der Humanistische Verband.

    Insgesamt nehmen 169.847 Schülerinnen und Schüler am freiwilligen Religions- und Weltanschauungsunterricht teil. 56.380 davon besuchen den Lebenskundeunterricht, der somit den zweiten Platz hinter dem evangelischen Religionsunterricht belegt. Damit besuchen den Lebenskundeunterricht fast dreimal so viele Kinder und Jugendliche, wie der HVD bundesweit Mitglieder hat. Das spricht nicht für Abschottung im Sinne einer Sekte, sondern für Offenheit und Attraktivität. Mehr Informationen zu den Inhalten des Lebenskundeunterrichts gibt es hier: http://www.lebenskunde.de/

    4) Es steht den einzelnen Humanisten frei, ob sie sich vom Unterricht befreien lassen

    Anna Lehmann wirft dem HVD vor, er würde seinen Mitgliedern ein „(Un-)Glaubensbekenntnis“ abverlangen (um die Beurlaubung zu bekommen), auf das „diese ja eigentlich verzichten wollen“. Dieser Vorwurf geht an der Realität vorbei. Zum einen erfolgt die Unterrichtsbefreiung abweichend von den anderen Bekenntnissen nicht automatisch, sondern lediglich auf Antrag. Ob sich jemand als Humanist zu erkennen gibt, obliegt ihm damit selbst. Zum anderen sind die Mitglieder des HVD zwar in der Tat nichtreligiös, aber mit ihrer Mitgliedschaft drücken sie ja gerade aus, dass ihnen religiös-weltanschauliche Themen wichtig sind. Die Mitgliedschaft im HVD ist ein Bekenntnis zu einer Weltanschauung. Dass die wenigsten Nichtreligiösen ein entsprechendes Bekenntnis ablegen oder ablegen wollen, steht ihnen frei. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Mitglieder des HVD bekennen, auch wenn sie es nicht müss(t)en.

    Insbesondere für Humanisten in Berlin sollte es unproblematisch sein, sich als solche zu „outen“. Fast zwei Drittel der Berlin (63 Prozent) sind weder Katholiken, Protestanten oder Muslime. Davon entfällt der allergrößte Teil auf die Nichtreligiösen. Warum es in der „Welthauptstadt des Atheismus“ eine schwere Bürde sein sollte, zu seinem Unglauben zu stehen, leuchtet mir nicht ein. Das dürfte vielerorts für Evangelische, Katholiken, Muslime, Aleviten und Juden weit schwieriger sein, die aber alle mehr Feiertage haben.

    Fazit

    Ein unterrichtsfreier Feiertag für die Humanisten in Berlin ist weder sektenhaft noch neu im Vergleich zu den Religionen. Vielleicht nutzt Anna Lehmann den nächsten Welthumanistentag am 21. Juni 2015, um den Humanistischen Verband besser kennenzulernen. Nachholbedarf scheint zu bestehen. Selbst wenn sie noch Schülerin wäre, bräuchte sie sich dafür nicht vom Unterricht befreien zu lassen: Der Welthumanistentag fällt nächstes Jahr auf einen Sonntag.

    Sven W. Speer

    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City.

    Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft
    der Goethe-Universität Frankfurt.