Der Islam braucht weder Reformation noch Zivilisierung von außen

    „Der Islam braucht eine Reformation.“ Diesem Mythos entgegnet Alexander Grau bei Cicero.de überzeugend. Allerdings zeigt bereits die Überschrift „Religionen zivilisieren sich nicht von selbst“, dass er stattdessen einem anderen kulturprotestantisch-säkularen Vorurteil aufsitzt: dass nämlich Religionen keinen Beitrag zu Freiheit und Fortschritt leisten, sondern im Gegenteil von diesen erst gezähmt werden (müssen).

    Die erste These Graus, dass ein islamischer Martin Luther keineswegs ein Gewinn wäre, sondern eine Gefahr, ist in meinen Augen so richtig und wichtig, dass ich seine Argumente wiederhole. Reformation werde meist mit Modernisierung, Individualismus, Emanzipation, Freiheit und Befreiung gleichgesetzt. Tatsächlich sei der „Altprotestantismus der Reformatoren im Kern reaktionär“ gewesen, da er für eine „Erneuerung der ursprünglichen Botschaft des Evangeliums und eine Rückbesinnung auf die Kernbestände des christlichen Glaubens – gegen jede weltliche und historisch bedingte angebliche Verformung der biblischen Botschaft“ eintrat.

    Die protestantischen Kirchen haben lediglich das Monopol der katholischen Kirche abgelöst

    Anders als Grau darstellt, war die „lutherische und reformierte Orthodoxie der Voraufklärung“ nicht nur „kein Deut freiheitlicher als die Lehre ihrer katholischen Kollegen“, sondern dezidiert weniger freiheitlich oder fortschrittlich. Während die Humanisten und die humanistischen Theologen, Erasmus von Rotterdam und auch die katholische Reformtheologie „ein optimistisches, positives Welt- und Menschenbild“ vertreten haben, sind für Luther „Mensch und Welt als Folge der Sünde dem Reich der Finsternis verhaftet“.[1] Das Ergebnis der Reformation war keine größere Religionsfreiheit: Die protestantischen Kirchen haben von wenigen Ausnahmen abgesehen lediglich das Monopol der katholischen Kirche abgelöst – Häretiker wurden dabei auf allen Seiten verfolgt.[2] Erst im Zuge der Gegenreformation bzw. der katholischen Reform als Reaktion auf den Protestantismus wurde auch die katholische Kirche strikt und wandte sich von der Welt ab.[3]

    Ganz ähnlich verhält es sich mit der Reformation im Islam, die wir zur Verwunderung vieler Apologeten einer Reformation bereits jetzt erleben können. Grau führt dazu eindrucksvoll aus: „Der Islam braucht keine Reformation, seine Reformation ist im vollen Gange. Ihr Wittenberg ist Kairo, ihr Luther heißt Hassan al-Banna, ihr Calvin Sayyid Qutb und ihr Thomas Müntzer Abu Bakr al-Baghdadi. Die Religionskriege, die sie auslöste, toben seit siebzig Jahren. Ihr Ziel ist ein Gottesstaat, das Kalifat.“ Während Salafisten heutzutage meist als „mittelalterlich“ bezeichnet werden, wird übersehen, dass die Reform-Salafiya im 19. Jahrhundert als Antwort auf die Schwäche der islamischen Staaten entwickelt worden ist.[4]

    Zivilisierung von Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

    Trotz seiner Distanz zu den Vorurteilen gegenüber einer vermeintlich positiven islamischen Reformation bleibt Grau protestantischem, insbesondere lutherischem Denken verhaftet, wenn er schreibt: „Religionen zivilisieren sich nicht von selbst. Sie müssen von außen zivilisiert werden: durch Aufklärung, wissenschaftliches Denken und gesellschaftliche Emanzipationsprozesse.“ Hier ist sie wieder, die protestantische Staatsgläubigkeit, die sich als Misstrauen gegenüber der Religion ausdrückt. Man kann dies wie der protestantische Theologe Rolf Schieder als „Zivilisierung von Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik“[5] bezeichnen oder theatralischer formulieren wie der ebenfalls protestantische Thilo Sarrazin, der zur Aufklärung der Religion schrieb: „Bei den christlichen Kirchen dauerte dieser Prozess viele hundert Jahre und es flossen Ströme von Blut. Am Ende setzte die säkulare Staatsmacht überall die Säkularisierung gegen die Kirchen durch, nicht im Dialog mit den Kirchen“[6].

    Wer meint, Religionen zivilisieren zu müssen, um den freiheitlichen Staat zu gewährleisten, übersieht, dass nicht nur säkulare, sondern auch religiöse oder vormals religiöse Werte das Fundament bilden, auf dem unsere Freiheit ruht. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, besagt das berühmte Böckenförde-Paradoxon. Das damit keineswegs ein staatlicher Interventionismus gefordert wird, stellt Ernst-Wolfgang Böckenförde bereits im folgenden Satz klar, der indes fast nie zitiert wird: „Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“[7] Daher lohnt ein Blick, ob die Segnungen der modernen Zivilisation tatsächlich erst mit der Aufklärung Einzug in die Welt gefunden haben, wie Grau impliziert.

    Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann

    Eine der Grundlagen unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung sind die Annahmen von Gleichheit und Würde jedes Menschen. Diese Annahmen sind keineswegs Produkt der Aufklärung. Ihre Wurzeln reichen bis in biblische Zeiten zurück. Die geglaubte Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte entspringt, legt diesen Annahmen zugrunde. Dafür ließen sich zahlreiche Belege anführen. Ich beschränke mich unter Verweis auf Tine Stein[8] auf die Verwandtschaft aller Menschen in der Erzählung der Sintflut, nach der alle Menschen von den drei Söhnen Noahs abstammen (Gen 10, 1 u. 31 f.), und das Gebot „Einen Fremdling sollst du nicht unterdrücken und ich nicht bedrängen. Denn Fremdlinge seid ihr selbst gewesen im Lande Ägypten.“ (Ex 22, 20)

    Auch die Wissenschaft steht nicht im Widerspruch zur Religion als solcher. Ganz im Gegenteil: Die katholische Kirche förderte vor der Gegenreformation die Wissenschaften, bspw. durch zahlreiche Universitätsgründungen im vermeintlich finsteren Mittelalter: 1088 wurde die Universität von Bologna gegründet, 1150 folgte Paris, um 1167 Oxford, um 1208 Palencia und um 1209 Cambridge. Der Papst selbst war es, der die Freiheiten der wissenschaftlichen Forschung an den Universitäten gegenüber weltlichen Autoritäten, insbesondere den französischen König verteidigte und ausbaute.[9] Aber auch nach der Reformation überholte der Protestantismus den Katholizismus nicht in der Forschung. Rodney Stark hat dies anhand der Daten der bedeutendsten Forscher von 1543 bis 1680 überprüft, zu denen Nikolaus Kopernikus, René Descartes, Johannes Kepler, Pascal Blaise, Gottfried Wilhelm Leibniz und Galileo Galilei gehören. Von den 52 Gelehrten waren 26 katholisch und 26 protestantisch. Von den Kontinentaleuropäern waren sogar 26 katholisch und nur 11 protestantisch. Besonders gläubig waren 31, 20 waren etwa durchschnittlich religiös und nur einer war Skeptiker.[10]

    Nicht der Islam sorgt für Unfreiheit in vielen islamischen Staaten, sondern die Neigung zur Autokratie

    Weder soll noch muss dieser Beitrag eine Kritik am Protestantismus sein. Er soll vielmehr die verworrenen historischen Entwicklungen aufzeigen, die eben keine leichte Übertragung auf die Gegenwart ermöglichen. Stets muss das ganze Bild in seiner historischen Tiefe gesehen werde. Und zu dieser Tiefe gehört auch die Feststellung Stefan Zweigs in seinem zeitlosen Roman „Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt“: „So ist in sonderbarster Verwandlung gerade aus dem System des Calvinismus, das besonders grimmig die individuelle Freiheit beschränken wollte, die Idee der politischen Freiheit entstanden; Holland und Cromwells England und die Vereinigten Staaten, seine ersten Wirkungsfelder, geben den liberalen, den demokratischen Staatsideen am willigsten Raum“. Und weiter: „gerade jene Länder, die am stärksten von der Intoleranz durchdrungen werden sollten, sind überraschenderweise die ersten Freistätten der Toleranz in Europa geworden“.[11]

    Nicht der Islam sorgt für Unfreiheit, Tod und Armut in vielen islamischen Staaten, sondern die aktuelle Neigung zur Autokratie in der Region. Abd al-Fattah as-Sisi stürzte in Ägypten zwar den demokratisch gewählten, aber autoritäre Züge zeigenden Mohammed Mursi, regiert als Präsident selbst aber ohne Parlament. In Syrien stehen sich u.a. der selbst ernannte Islamische Staat und der Diktator Baschar al-Assad gegenüber. In der Türkei ist die Lage weit weniger dramatisch, aber auch hier gibt es unversöhnliche Lager um den islamisch-konservativen Recep Tayyip Erdoğan und laizistisch-militarischen Kräften. Jede Seite lässt der anderen Seite möglichst wenig Freiheit. Ein Vertrauen in Pluralität und ein Wettstreit der Meinungen existiert nur rudimentär – und zwar unabhängig davon, als wie religiös sich die einzelnen Akteure verstehen. Einen Wandel der Einstellungen kann niemand erzwingen. Das haben die Interventionen des Westens in Afghanistan, im Irak und in Libyen überdeutlich gezeigt.

    Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte

    All denjenigen, die meinen, Menschen oder Traditionen müssten von außen durch Reformation oder Aufklärung umerzogen oder „zivilisiert“ werden, weil sie diese dazu selbst nicht in der Lage wären, entgegne ich die Worte des – protestantischen – Poeten Friedrich Hölderin: „Du räumst dem Staate denn doch zuviel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das lass‘ er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag‘ es an den Pranger! Beim Himmel! Der weißt nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.“[12] Freilich gelten diese Sätze in noch weit schärferer Form für die Mordbrenner und Vergewaltiger des selbst ernannten Islamischen Staates. Mit Verwissenschaftlichung ist diesem indes definitiv nicht beizukommen. Aber wir sollten zumindest weiter daran arbeiten, eine freiheitliche und offene Ordnung zumindest in Deutschland zu verwirklichen. Und zur freiheitlichen Ordnung gehört, dass niemand umerzogen wird.

     

    Literatur

    [1] Heinz Schilling, Das Reich und die Deutschen. Deutschland, 1517-1648 (Siedler Taschenbücher, 75522), Berlin 1998, 95

    [2] Rodney Stark, How the West Won. The Neglected Story of the Triumph of Modernity, 277

    [3] Ebd., 280

    [4] Daniela Schlicht, Der Pan-Islamismus – eine transnationale politische Fiktion?, in: Kollektive Identitäten im Nahen und Mittleren Osten. Studien zum Verhältnis von Staat und Religion, hrsg. v. Rüdiger Robert/Daniela Schlicht/Shazia Saleem, Münster 2010, 55–73, 59

    [5] Rolf Schieder, Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (2007), 17–24

    [6] Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, 8. Aufl., München 2010, 273

    [7] Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: Säkularisation und Utopie. Ebracher Studien. Fs. Ernst Forsthoff, hrsg. v. Sergius Buve, Mainz 1967, 76–94, 93

    [8] Tine Stein, Himmlische Quellen und irdisches Recht. Religiöse Voraussetzungen des freiheitlichen Verfassungsstaates, Frankfurt/Main 2007

    [9] Rodney Stark, How the West Won (Anm. 2), 163–168

    [10] Ebd., 306–311

    [11] Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt am Main 1983

    [12] Friedrich Hölderlin, Hyperion, Berlin 1944, 41–42

    Sven W. Speer
    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.