Wir brauchen eine „Instrumentalisierungsprophylaxe“!

    Der Schutz vor Instrumentalisierung als Aufgabe einer internationalen Religionspolitik

    Egal ob in Bezug auf Syrien, Zentralafrika, Nigeria oder den Irak – in den vergangenen Monaten fiel in den Medien immer wieder der Begriff des „Religionskriegs“. So unpräzise diese Bezeichnung auch sein mag – sie ist in jedem Fall ein hervorragender Indikator für die Instrumentalisierung von Religionen in politischen Gewaltkonflikten!

    In Syrien sehen wir, wie ein zunächst friedlicher Protest der Bevölkerung zum religiös aufgeladenen Bürgerkrieg werden kann. Zeitgleich liefern sich seit Monaten Muslime und Christen in der Zentralafrikanischen Republik und in Nigeria blutige Auseinandersetzungen. Der Erzbischof von Bangui Dieudonné Nzapalainga betont im Interview mit dem Deutschlandradio, dass dieser politisch-religiöse Konflikt im Grunde nicht ‚religiös’ im engeren Sinn genannt werden kann: „Wir sagen, dass dies deswegen nicht angemessen ist aus einem ganz einfachen Grunde, weil an der Spitze derjenigen, die die Befehle zum Töten geben, kein einziger Priester, kein einziger Imam oder Pastor ist, sondern es sind stets Politiker, die sich bestimmte Gruppen zu eigen machen, es sind Politiker, die dann die jungen Menschen aufhetzen gegen bestimmte Gemeinschaften oder bestimmte Bevölkerungsgruppen, die dann getötet werden.“

    Orgiastische Lust am Morden im Namen Gottes

    In Nigeria kämpfen derweil Islamisten der Gruppe Boko Haram für einen islamischen Staat. Ihr jüngstes Verbrechen ist die Entführung von fast 300 nigerianischen Schülerinnen. Auch im Irak sind erdrutschartige Veränderungen zu erleben. Eine rapide wachsende Gruppe von bewaffneten Islamisten, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt, versucht hier ein Kalifat zu errichten, das sich auf die gesamte islamische Welt erstrecken soll. Die IS-Kämpfer gehen dabei äußerst brutal gegen Christen und die Minderheit der Yesiden vor, aber auch gegen schiitische oder kurdische Iraker.

    Wer die gegenwärtigen Medienberichte verfolgt, kann die orgiastische Lust am Morden im Namen Gottes nicht leugnen. Doch wie vielschichtig die Motivlage auch sei: lustvolles Töten, wie es auch in den jüngst erschienenen, professionell gefilmten Enthauptungsvideos der IS erschreckend wahrzunehmen ist, kann natürlich niemals religiös gerechtfertigt werden. Alle Weltreligionen haben eine starke Friedensethik.

    „Instrumentalisierungsprophylaxe“

    Diese Beispiele zeigen aber, dass die Instrumentalisierung von Religion in politischen Konflikten ein akutes Problem und ein Mechanismus zum Schutz vor Instrumentalisierung von großer Dringlichkeit ist. Wir brauchen eine „Instrumentalisierungsprophylaxe“ wie sie der Politikwissenschaftler Andreas Hasenclever nun schon in zahlreichen Publikationen gefordert hat!

    Ausgehend von seinen Beobachtungen gewaltresistenter Religionsgemeinschaften leitet er vier Leitvariablen ab, die Religionen vor der Instrumentalisierung durch Eliten schützen sollen. Dazu gehören die religiöse Aufklärung, die Institutionalisierung eines moderaten religiösen Dialogs, die Autonomie der Religionsgemeinschaften von der Willkür anderer und eine innerreligiöse Öffentlichkeit mit komplexen intrakonfessionellen Strukturen.

    1) Religiöse Aufklärung

    Unter religiöser Aufklärung versteht Hasenclever die Achtung vor der Komplexität der eigenen religiösen Tradition. Wenn Glaubenslehren selektiv und mit radikalem Absolutheitsanspruch interpretiert werden, ist die Eskalationsgefahr besonders hoch. “Vereinfachungsstrategien sind umso erfolgreicher, je geringer die religiöse Bildung innerhalb der Konfliktgruppen ist.”[1] Darum muss „religiöser Analphabetismus“[2] verhindert werden, sodass der Missbrauch der eigenen Tradition seitens der Gläubigen erkannt und sich ihm widersetzt werden kann. Religiöse Friedensbewegungen zeichnen sich neben anderen Merkmalen durch ein hohes Verständnis für die Komplexität der eigenen Traditionen aus.

    2) Strukturelle Toleranz

    Ein anderes Merkmal instrumentalisierungsresistenter Gemeinschaften ist eine vorherrschende strukturelle Toleranz. Gelingt es, moderate religiöse Meinungen zu institutionalisieren, d.h. einen religiösen Diskurs durch eine institutionelle Infrastruktur zu festigen, kann sich die Instrumentalisierungsresistenz einer religiösen Gemeinschaft erhöhen. Da die Wirkung religiöser Traditionen in erster Linie von kontextbezogenen und subjektiven Interpretationen abhängig ist, birgt die Institutionalisierung aber genauso Gefahren. So kann die Institutionalisierung moderater Meinungskoalitionen vor Instrumentalisierung schützen und die Institutionalisierung radikaler Interpretationen genau das Gegenteil bewirken.

    3) Potenzial zur Autonomie

    Im Potenzial zur Autonomie von Religionsgemeinschaften sieht Hasenclever einen weiteren Garanten für eine Instrumentalisierungsresistenz. Etablierte Religionsgemeinschaften mit hoher Anzahl von Gläubigen brauchen Ressourcen wie Gotteshäuser, geistliches Personal oder karitative Einrichtungen. Daher müssen besonders die großen Gemeinden für ihr Überleben innerhalb der herrschenden institutionellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen sorgen. Wenn der Zugriff auf diese Ressourcen von der Willkür und dem Wohlwollen staatlicher oder gesellschaftlicher Akteure abhängt, besteht die Gefahr, dass sich Religionsführer zur Legitimierung staatlicher Gewaltpolitik einspannen lassen. Kennzeichnend für gewaltresistente Glaubensgemeinschaften ist die Autonomie gegenüber Staat und Gesellschaft, die sich etwa durch externe Finanzquellen oder Ausbildungsinstitutionen kennzeichnet. In Südafrika waren staatsunabhängige theologische Ausbildungsstätten essentiell für die Anti-Apartheid-Politik des South African Council of Churches (SACC). Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Einführung der nationalen Bischofskonferenzen die Unabhängigkeit der Landeskirchen gegenüber der Weltkirche gestärkt und somit zu mehr Autonomie beigetragen. Es gilt jedoch zu beachten, dass weniger die tatsächliche Autonomie einer Religionsgemeinschaft entscheidend für ihre Instrumentalisierungsresistenz ist, als vielmehr ihr Autonomiepotenzial.

    4) Innerreligiöse Öffentlichkeit

    Das vierte Element der Instrumentalisierungsresistenz ist eine diversifizierte innerreligiöse Öffentlichkeit. Viele instrumentalisierungsresistente Gemeinschaften zeichnen sich durch eine komplexe intrareligiöse Struktur aus. Innerreligiöse Koalitionsbildung und transnationale, also überstaatliche und damit dezentrale Vernetzungen können die Ausbreitung radikaler Strömungen verhindern. Die Idee ist, dass sich in innerreligiösen Deutungskoalitionen moderate Interpreten bündeln und die Rechtmäßigkeit selektiver Auslegungen unterbunden wird. Je größer die transnationale Vernetzung ist, desto geringer ist die Gefahr der politischen Vereinnahmung. Als Beispiele für eine solche transnationale Vernetzung können der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) oder die World Conference of Religions for Peace (WCRP) genannt werden.

    Umsetzung muss auf globaler Ebene diskutiert werden

    Mit diesem Blog-Eintrag möchte ich an die „Instrumentalisierungsprophylaxe“ als vielversprechende wissenschaftliche Ressource erinnern und eine Umsetzung anregen, die – je nach Leitvariable – religiöse wie säkulare Akteure betrifft. Aufgrund der Grenzen, die sich der säkulare Staat setzt, wäre eine Umsetzung der Leitvariablen auf globaler Ebene zu diskutieren, wo sich eine postsäkulare internationale Zivilgesellschaft längst am herausbilden ist – eine Gesellschaft, die Religion im positiv wertenden Sinn versteht und Religionsgemeinschaften als potenzielle Friedensstifter in ihre Politik miteinbezieht.

    [1] Hasenclever/De Juan 2007: 12.

    [2] Appleby 2000: 69.

     

    Quellen und Literaturempfehlungen:

    Appleby, R. Scott 2000: Ambivalence of the Sacred: Religion, Violence and Reconciliation. Lanham (Mass.).

    Deutschlandradio 2014: Erzbischof Dieudonné Nzapalainga im Interview. In: http://www.deutschlandradiokultur.de/zentralafrikanische-republik-das-ist-kein-religioeser.1278.de.html?dram:article_id=282115 (Rev. 21.08.2014)

    Hasenclever, Andreas 2013: „Krieg auf Erden und Frieden im Himmel: Überlegungen zur Instrumentalisierungsprophylaxe für Religionen.“ In: Mokrosch/Held/Czada 2013: 218-230.

    Hasenclever, Andreas/De Juan, Alexander 2007b: Religionen in Konflikten – eine Herausforderung für die Friedenspolitik.“ In: Aus Politik und Zeitgeschichte. BpB (6) 2007: 10-16.

    Höhn, Hans-Joachim 2007: Postsäkular: Gesellschaft im Umbruch – Religion im Wandel. Paderborn/München/Wien/Zürich.

    Mokrosch, Reinhold/Held, Thomas/Roland Czada (Hg.) 2013: Religionen und Weltfrieden. Friedens- und Konfliktlösungspotenziale von Religionsgemeinschaften. Stuttgart.

    Premawardhana, Shanta 2013: „Schutzmaßnahmen gegen politische Instrumentalisierung in religiösen Gemeinschaften.“ In: Mokrosch/Held/Czada 2013: Religionen und Weltfrieden. Friedens- und Konfliktlösungspotenziale von Religions-gemeinschaften. Stuttgart: 205-217.

    Carola Jaeckel

    Carola Jaeckel studierte bis 2012 „Staatswissenschaften“ an der Universität Passau und wird dieses Jahr ihr Studium in Bamberg mit dem Master in „Interreligiösen Studien – Judentum, Christentum, Islam“ abschließen. Ihr persönlicher Forschungsschwerpunkt ist die Schnittstelle von Politik und Religion, die sie zuletzt in ihrer Abschlussarbeit zum Thema „Religionen im politischen Wandel – Voraussetzungen und Möglichkeiten religionsbasierter Konfliktbearbeitung“ verfolgte.