Wie fänden Sie es, neben einem Juden oder Moslem zu wohnen?

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. hat erhoben, wie angenehm einzelne Gruppen von Menschen als Nachbarn empfunden werden. Das neue an der Studie ist, dass nicht nur die Einstellungen gegenüber einzelnen Gruppen erhoben worden ist, sondern auch die Einstellungen der Gruppen gegenüber anderen Gruppen.

Für 25 % der Befragten sind Muslime als Nachbarn unangenehm

Die Einstellungen in der Bevölkerung insgesamt decken sich mit bisherigen Befunden. Die beliebtesten Nachbarn sind „Deutsche“: „Deutsche“ werden von 71,4 % als Nachbarn wertgeschätzt, nur 2,0 % fänden „Deutsche“ unangenehm und 26,6 % teils/teils. Der Wert der „Deutschen“ ist noch etwas höher als der Wert der Christen. 61,0 % finden diese angenehm, 36,1 % teils/teils und 2,9 % finden sie unangenehm. Der Wert für Juden ist bereits deutlich niedriger: 51,3 % empfinden sie als eher angenehme Nachbarn, 42,8 % antworten mit teils/teils und ganze 5,9 % finden Juden als Nachbarn eher unangenehm. Muslime stehen noch deutlich schlechter da. 25,0 % der Befragten empfinden Muslime als Nachbarn eher angenehm. 50,9 % beantworten die Frage mit „teils/teils“ und beachtliche 24,0 % antworteten mit „eher unangenehm“.

Zu den abgefragten Gruppen gehören neben religiösen Gruppen auch ethnische Gruppen. Das Schlusslicht in der Wertschätzung bilden Sinti und Roma. 33,9 % schreiben ihnen zu, eher unangenehme Nachbarn zu sein, 46,0 % antworteten mit teils/teils und lediglich 20,9 % meinen, sie seien eher angenehmen Nachbarn. Weitere Ethnien wurden abgefragt, aber keine weiteren Religionszugehörigkeiten. Bei Buddhisten und Hinduisten ist dies verständlich. Eine Abfrage der Einstellung gegenüber Nichtreligiösen wäre indes wünschenswert gewesen, ist doch inzwischen jeder Dritte in Deutschland nicht mehr religiös. Interessant ist, dass das Deutschsein noch etwas angenehmer wirkt als das Christlichsein. Womöglich deutet sich damit an, dass in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend die deutsche Identität positiver und als eine die Unterschiede transzendierende Identität gesehen wird, während das Christentum als gesamtgesellschaftliche Klammer langsam schwächer wird.

12,2 % der ethnischen Türken empfinden Juden als Nachbarn unangenehm

Die Studie fragt auch die Toleranz einzelner Gruppen gegenüber anderen Gruppen ab. Leider werden die Gruppen nur nach ethnischen Hintergründen gebildet, nicht nur religiöser und weltanschaulicher Bindung. So lässt sich lediglich die Toleranz gegenüber einzelnen Religionen innerhalb der ethnischen Gruppen ablesen und nicht die Toleranz der Anhänger von Religionen. Als unangenehm empfinden 5,9 % der ethnischen Deutschen Juden als Nachbarn. Bei Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion ist dieser Wert mit 5,4 % etwas niedriger, was auch daran liegen mag, dass zahlreiche Juden in Deutschland aus eben jenen Gebieten eingewandert sind. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 8,7 % und bei den ethnischen Türken auf 12,2 %. Einwanderung hat dadurch nicht nur jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich gemacht, sondern zieht auch ein neues antisemitisches Potential nach sich.

Da „Türken“ meist mit Muslimen gleichgesetzt werden, erlauben die die Türken betreffenden Zahlen auch Rückschlüsse auf die Toleranz gegenüber Muslimen. Das Gesamtergebnis der Befragung besagt, dass 19,4 % türkische Nachbarn als eher unangenehm einstufen. Von den ethnischen Deutschen bezeichnen 19,5 % türkische Nachbarn als eher unangenehm. Bei den Einwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind es 23, % und bei den ethnischen Polen 22,8 %. Aber auch von den ethnischen Türken selbst empfinden 6,8 % andere Türken als Nachbarn eher unangenehm. Dies könnte damit zu tun haben, dass eine „deutsche“ Nachbarschaft nicht selten als sozialer Aufstieg gesehen wird.

Ein Gradmesser gesellschaftlicher Toleranz ist auch die Einstellung gegenüber Homosexuellen. 8,5 % der ethnischen Deutschen sehen in ihnen unangenehme Nachbarn. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 12,3 %. Bei den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion steigt die Ablehnung von Homosexuellen als Nachbarn auf 33,8 % und bei ethnischen Türken sogar auf 37,8 %. Die politisch-kulturelle Prägung des Herkunftslands wirkt offenbar spürbar nach.

Benachteiligte Gruppen sind nicht frei von eigenen Vorbehalten

Wie können die Ergebnisse der Studie interpretiert werden? Zum einen zeigen die Zahlen, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland nach wie vor weit verbreitet ist. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass diejenigen Gruppen, gegenüber denen in der breiten Gesellschaft Vorbehalte bestehen, keineswegs frei von eigenen Vorbehalten sind. Als Einwanderungsgesellschaft importiert Deutschland wie jede andere Einwanderungsgesellschaft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Vorurteile im Gewand kultureller, politischer und religiöser Prägung.  Nur weil jemandem von der Gesellschaft keine Offenheit entgegengebracht wird, wird er nicht automatisch selbst zu einem Befürworter von Offenheit – auch wenn er Offenheit gegenüber der eigenen Gruppe einfordert.

Abbau von Vorbehalten erfordert Anstrengung auf allen Seiten

In einer vielfältigen Gesellschaft ist jeder Einzelne von uns auf die Toleranz und das grundsätzliche Wohlwollen anderer angewiesen. Daher müssen wir daran arbeiten, Vorurteile und Vorbehalte abzubauen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße und erfordert Anstrengung auf allen Seiten. Letztlich zeigt die Umfrage aber auch, dass ein Anfang gemacht ist und viele Menschen in Deutschland – in allen Bevölkerungsgruppen – tolerant sind.

 

Die Daten finden Sie in der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts auf den Seiten 97 und 98:

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/FB_127.pdf