Überraschung: Flüchtlinge sind Menschen – im Guten wie im Schlechten

    Der Flüchtling wird dieser Tage als Mensch entdeckt. Erst maß die Öffentlichkeit die Flüchtlinge nur in Zahlen (wenig menschlich), später auch in Zahlen von Ertrunkenen (Sterben ist sehr menschlich). In den letzten Wochen begrüßten Zehntausende in Deutschland die Flüchtlinge als Mitmenschen an Bahnhöfen mit Lebensmitteln, Kleidung und Spielzeugen für die Kinder. Verständnis wächst sogar dafür, dass Flüchtlinge ausgerechnet ein Smartphone bei sich tragen – einen zwar kostspieligen Gegenstand, aber selbst für Nicht-Flüchtende oft vermeintlich unverzichtbaren Gegenstand. Soweit kann Mitmenschlichkeit gehen. Ein schönes Bild. Ein zu schönes Bild für einige.

    In all diese Mitmenschlichkeit mischt sich nun der Verdacht, dass Flüchtlinge keine Übermenschen, sondern Menschen

    In all diese Mitmenschlichkeit mischt sich nun der Verdacht, dass Flüchtlinge keine Übermenschen, sondern auch ’nur‘ Menschen sind: Flüchtlinge seien fehlbar und könnten auch gefährlich werden. Was für eine Überraschung! Sie kommen aus Staaten, die keine freiheitlichen Demokratien und vielleicht nicht einmal funktionierende Staaten sind. Vor dem Hintergrund, dass auch nicht jeder Deutsche ein eifriger Verfechter unserer Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung ist – und es in meinen Augen dazu auch keine staatliche Pflicht geben kann – verwundert es nicht, dass auch die Flüchtlinge häufig keine gestandenen Demokraten und Menschenrechtler sind.

    Diese Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen und seine Anfälligkeit für Ideen, die zu Freiheit und Demokratie im Widerspruch stehen, erscheinen dieser Tage als große Neuerung. Gideon Böss warnt in seinem WELT-Blog: „Wer mit Frauenrechten, freier Presse, unabhängiger Justiz, mit Meinungs- und Religionsfreiheit nichts anfangen kann und sie zu zerstören versucht, sollte in Deutschland eben nicht willkommen sein.“ Michael Martens hat in der FAZ einen „Willkommensbrief“ für Flüchtlinge vorgeschlagen, in dem die Grundwerte unserer freiheitlichen Ordnung zusammengefasst werden.

    Mir liegt es fern, die beiden in die rechte Ecke zu stellen. Probleme mit Flüchtlingen und ihren Einstellungen werden auf uns zukommen. Die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um? Ich schlage dafür Nüchternheit und Unaufgeregtheit vor. Anstatt Probleme bloß zu schildern oder Aktionismus zu fordern, habe ich mehrere > Maßnahmen vorgeschlagen, die allesamt ausführlicher im Policy Brief „Flüchtlinge: Tarnung und Nachwuchs für Terroristen?“ nachzulesen sind. Sie umzusetzen beugt nicht nur Terrorismus vor, sondern erhöht auch die Wertschätzung für unser Grundgesetzes. Zugegeben, die Maßnahmen beziehen sich allesamt auf muslimische Flüchtlinge – sie stehen nun einmal am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit. Sie sind übertragbar auch auf flüchtende Angehörige anderer Bekenntnisse.

    Maßnahmen, die Integration erleichtern

    Wir können islamische Initiativen als Hilfe begreifen

    Muslimische Gruppen engagieren sich bereits jetzt intensiv für die Flüchtlinge. Diesem Engagement sollte mit Wohlwollen und Dankbarkeit, nicht mit Misstrauen begegnet werden. Von Bedeutung sind nicht nur die praktische Hilfe für die Flüchtlinge und die Kenntnis der arabischen Sprache: Liberale, moderate und auch konservative Muslime lehnen den Salafismus ab und decken entsprechende Initiativen häufig weit schneller auf als Verwaltungen.

    Wir müssen islamische Wohlfahrt einbeziehen und fördern

    Anders als damals muss die Politik für religiöse Zusammenhänge sensibler sein, um Integration zu erleichtern und Radikalisierung vorzubeugen. Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege haben in den vergangenen Jahrzehnten hinzugelernt. Ein gleichberechtigt zu Caritas, Diakonie, Paritätischem usw. geförderter islamischer Wohlfahrtsverband ist nicht nur sensibler für die Bedürfnisse muslimischer Flüchtlinge, sondern auch ein Signal für die Offenheit und Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Dies baut Vorbehalte ab bzw. lässt sie gar nicht erst aufkommen.

    Wir müssen islamische Seelsorge ermöglichen, um Krieg, Flucht und Vertreibung verarbeiten zu können

    Für viele Flüchtlinge (aber auch Auswanderer allgemein) stellt die eigene Religion eine wesentliche Identitätsressource in der Aufnahmegesellschaft dar. Religiöse Bindungen und Identitäten gewinnen für Migranten sogar noch an Bedeutung. Krieg, Flucht und Vertreibung lassen sich daher gut im Kontext bestehender religiöser Bezüge verarbeiten. Diese Funktion können Imame und andere islamische Seelsorger erfüllen, die sowohl die deutsche Gesellschaft kennen, als auch Muslime sind.

    Wir müssen islamischen Religionsunterricht und Schulbesuch ermöglichen

    Die reflektierte und altersangemessene Reflexion religiöser Inhalte und die Hinnahme theologischer Vielfalt (bspw. Sunna, Schia) macht unempfänglicher für die verkürzten und vereinfachten Ableitungen der Salafisten aus dem Koran. Junge Flüchtlinge lernen dabei nicht nur einen Islam kennen, der seinen Platz in einer pluralistischen Gesellschaft gefunden hat. Sie erfahren vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, dass es einen Islam gibt, der weder politisch kontrolliert noch politisch instrumentalisiert wird.

    Wir müssen Flüchtlinge als Brücke im positiven Sinne wirken lassen

    Je besser die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland gelingt, desto stärker wird die in Deutschland wachsende Diaspora auf ihre Heimatländer zurückwirken können. Wenn ethnische und religiöse Konflikte in Deutschland überwunden werden können, kann dies Schlichtungen in den Herkunftsräumen erleichtern, wodurch an jahrhundertelang eingeübte, aber keineswegs ausgereifte Formen des Miteinanders auf erneuerter Grundlage angeknüpft werden kann.

     

    Sven W. Speer
    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.