Plädoyer für Weltoffenheit und Toleranz

    Impuls in Mühlheim an der Ruhr vom 21.11.15

    Wer weltoffen sein will, muss sich im Klaren darüber sein, wie die Welt tatsächlich ist. Anders als von vielen – auch von vielen Experten – angenommen, lässt sich im globalen Maßstab keine Säkularisierung beobachten. Es gibt also keinen Niedergang der Religion. Brian Grim und Philipp Connor haben berechnet, dass die Zahl der Religiösen in der Welt von 2010 bis 2050 23mal so schnell wächst wie die Zahl der Nichtreligiösen. Der Anteil der religiös Ungebundenen wird von 16 % der Weltbevölkerung auf 13 % fallen. Darüber hinaus wird es eine Verschiebung der Gewichte der Religionen geben. Sind heute 7 der wirtschaftlich bedeutendsten Staaten mehrheitlich christlich dominiert, werden 2050 nur noch die USA als mehrheitlich christliche Nation dazugehören. Neu in diesem Club hingegen werden China und Japan als religiös vielfältige Staaten, Indien als mehrheitlich hinduistischer Staat und Indonesien als mehrheitlich muslimischer Staat sein.

    Religion ist vitaler als jemals zuvor

    Auch innerhalb der anderen Staaten werden sich die Verhältnisse verschieben: die USA werden bspw. katholischer und Lateinamerika wird protestantischer. Die Welt verändert sich rapide und Religion ist vitaler als jemals zuvor. Vor dem Hintergrund der in Deutschland – gegen den globalen Trend – relativ weit fortgeschrittenen Säkularisierung, also Nichtreligiosität, bedeutet dies: Einwanderer werden fast immer religiöser sein als die deutsche Bevölkerung. Das gilt bereits heute für die Einwanderung aus der EU, die zwei Drittel der deutschen Einwanderung ausmacht und die mehrheitlich christlich ist.

    Weltoffenheit bedeutet für mich aber nicht nur die Offenheit für die Welt außerhalb Deutschlands, sondern auch für die Welt in Deutschland – für die reale, empirisch beobachtbare Situation in unserer Gesellschaft jenseits des bloß Wünschenswerten oder Befürchteten. Knapp zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind jeweils nach wie vor Mitglied in der römisch-katholischen Kirche oder einer der evangelischen Landeskirchen – wobei es starke regionale Unterschiede gibt. Ein weiteres Drittel ist religiös ungebunden und meist tatsächlich nicht religiös. Wer mitgerechnet hat, dem fällt auf, dass zwischen diesen drei knappen Dritteln gar nicht mehr viel Platz bleibt. Und in der Tat bewegt sich die religiös-weltanschauliche Vielfalt in Deutschland in einem kleinen, eng umrissenen Teil der Bevölkerung.

    Anteil der Muslime in der deutschen Bevölkerung weit überschätzt

    Der muslimische Anteil an der deutschen Bevölkerung ist weit kleiner als er gemeinhin geschätzt wird. Der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration hat in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass 70 % der Befragten die Zahl der Muslime in Deutschland überschätzen. Während im Durchschnitt eine Zahl von 11 Millionen Muslimen in Deutschland geschätzt wird, sind es tatsächlich nur etwa 4 Millionen und damit 5 % der Bevölkerung. Diese Zahl wird auch in den kommenden Jahren nicht rasant zunehmen, da sich die Geburtenraten der Muslime in Deutschland längst nach unten angepasst haben – sie haben sich gewissermaßen demografisch integriert. In den jüngeren Generationen liegt die Geburtenrate bereits unterhalb der allgemeinen Fortpflanzungsrate von 2,1 Kindern pro Frau. Der Islam in Deutschland hat also – genau wie der Rest der Bevölkerung – ein demografisches Problem. Er schrumpft.

    Die religiös-weltanschauliche Vielfalt in Deutschland scheint uns zwar in erster Linie ein Ergebnis von Einwanderung zu sein, tatsächlich erleben wir aber auch einen Wandel des Religiösen. Wie Olivier Roy hervorragend herausgearbeitet hat, entkoppeln sich Religion und Kultur immer stärker voneinander, was zwar die Kultur säkularisiert, aber das Religiöse anpassungsfähiger macht. Immer mehr Menschen verlassen das Bekenntnis ihrer Familie, schließen sich einer anderen Religion an oder kehren Religion den Rücken. Nichtreligiöse wiederum konvertieren zu Religionen. Dieser Prozess wird weiter zunehmen. Ich kann auf die übrige Vielfalt in Deutschland an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Wenn Sie sich dafür interessieren, lege ich Ihnen das Buch „Religiöse Vielfalt in Nordrhein-Westfalen“ von Markus Hero, Volkhard Krech und Helmut Zander ans Herz.

    Vielfalt als Garant für Wahlfreiheit

    Weit verbreitet ist die Auffassung, eine Zunahme von Vielfalt sei in erster Linie eine Zunahme des Falschen und Unvernünftigen – und damit ausschließlich problematisch. Doch das höhere Maß an Vielfalt hat – trotz aller mit ihr einhergehenden Nachteile – auch Vorteile. So wirbt John Stuart Mill eindringlich dafür, den Menschen einsichtig zu machen, „dass Unterschiede vorteilhaft sind, selbst wenn sie nicht alle zum Besten dienen, sondern einige sogar allem Anschein nach zum Schlimmeren“. Je vielfältiger eine Gesellschaft und die Optionen der Lebensführung sind, desto eher können Menschen genau jenen Weg für sich finden, der ihnen am ehesten zusagt, desto freier können sie sich selbst entfalten. Isaiah Berlin resümiert entsprechend: „Die Freiheit einer Gesellschaft […] bemißt sich […] an der Zahl und der Wichtigkeit der Wege, die sie für ihre Angehörigen offenhält“. In Gesellschaften, die von Mehrheiten geprägt sind, sind in ihrer Meinung und ihrem Lebenswandel extreme Menschen von besonderer Wichtigkeit, um die Freiheit zu erhalten. Diese lassen sich nicht von der öffentlichen Meinung beeindrucken, sondern zeigen auch als kleinste Minderheiten oder gar Einzelpersonen die Grenzen des Staates und der herrschenden Meinung auf. Vielfalt führt zu mehr Wahlfreiheit für jeden Einzelnen, darin liegt ihr intrinsischer Wert.

    Vielfalt als Beschränkung des Staates

    Je vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto schwieriger ist es für den Staat oder die Öffentlichkeit, die Gesellschaft zu dominieren und zu vereinheitlichen. Wenn es keine Mehrheit in der Gesellschaft gibt und keine Minderheit die Perspektive hat, Mehrheit zu werden, sind alle Minderheiten gezwungen, sich wechselseitig zu dulden. Obwohl alle Menschen versucht sind, „ihre eigenen Meinungen und Neigungen anderen als Lebensregeln aufzuerlegen“ (Mill), werden sie dann gemeinsam dafür streiten, dass niemand den Staat für derartige Zwecke instrumentalisieren kann. Denn allein schon die Möglichkeit des Staates zur Einflussnahme auf seine Bürger bedroht deren Freiheit. Jede „Anhäufung von Gewalt selbst, gleichgültig, wo sie vorkomme“ (Mill), ist daher bereits eine Gefahr. James Madison, einer der Gründerväter der USA, hat entsprechend in der religiösen Vielfalt des Landes ein Mittel zur Sicherung der individuellen Freiheit gesehen. In der Beschränkung von Mehrheit und Staat liegt der instrumentelle Wert der Vielfalt.

    Toleranz allgemein und Toleranz konkret

    Die empirisch beobachtbare Vielfalt und ihr Wert für die Wahlfreiheit in einer Gesellschaft und die Erhaltung der Freiheit sprechen in meinen Augen dafür, Vielfalt zu tolerieren. Tolerant zu sein, ist jedoch nicht einfach. Ich bin überzeugt: Toleranz ist voraussetzungsvoller als Respekt und Akzeptanz. Denn es ist einfach, etwas wertzuschätzen, dem ich etwas Positives abgewinnen kann. Aber etwas zu tolerieren, das mir nicht gefällt, mich vielleicht sogar im Inneren abstößt, ist die eigentliche hohe Kunst. Um Toleranz gegenüber Andersartigem einzuüben, ist die Sichtbarkeit von Unterschieden essentiell. Wenn das Andere nicht sichtbar ist, verlernen Menschen die Toleranz. Konflikte in der Gesellschaft müssen durch Diskurs kleingearbeitet werden und nicht durch staatliche Intervention kleingehalten werden. Die wichtigsten Grenzen, die nicht übertreten werden dürfen, sind dabei Aufrufe zu Gewalt, zu anderen Verbrechen oder zum Suizid. Bei allem anderen muss unsere Gesellschaft – und müssen Gruppen und Einzelne – lernen, sich an Kritik und Beleidigungen zu gewöhnen.

    Wie ist es konkret um Toleranz in Deutschland bestellt? Ich skizziere dies auf Grundlage der repräsentativen Studie zur Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in Deutschland von Detlef Pollack. Da wir in Nordrhein-Westfalen sind, beschränke ich mich auf die Werte für Westdeutschland. Auf den ersten Blick sieht es gut aus: 81 % der Befragten sind der Auffassung, man müsse alle Religionen tolerieren. 67 % verneinen die Aussage, man dürfe keine Kompromisse in religiösen Konflikten eingehen. So weit, so gut. Der Teufel steckt aber bekanntlich im Detail. 58 % der Befragten gaben an, eine negative Haltung zu Muslimen zu haben. Bei Buddhisten beträgt der Wert 18 %, bei Hinduisten 24 % bei Juden 28 % und bei Atheisten 31 %. Hohe Akzeptanz wird nur Christen gegenüber zum Ausdruck gemacht. Eine negative Haltung gegenüber dem Christentum haben nur 7 % der Befragten.

    Wenn wir uns konkrete Fragestellungen anschauen, sehen wir noch ein weit geringeres Maß an Toleranz: 65 % lehnen den Moscheebau ab, 75 % den Bau von Minaretten. Dass muslimische Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen dürfen, lehnen 76 % der Befragten ab. Toleriert wird in erster Linie das, was nicht anders oder ungewohnt ist – das ist dann aber keine wirkliche Toleranz. Wollen wir als Gesellschaft tolerant sein, haben wir noch ein gewaltiges Stück Arbeit vor uns.

    Zusammenfassung

    Ich fasse zusammen: Wer weltoffen sein will, muss sich den Realitäten in der Welt und in Deutschland stellen. Weltweit gilt, dass die religiöse Vielfalt an Bedeutung gewinnt und Religion keineswegs auf dem Rückzug ist. Deutschland wird zwar säkularer, ist aber zunehmend vielfältiger – auch wenn in Bezug auf Einwanderung nicht von einer Islamisierung, sondern eher von einer Re-Christianisierung gesprochen werden sollte, wenn überhaupt. Vielfalt bringt nicht nur – unzweifelhaft – Probleme mit sich, sondern auch Chancen. Für die Bürger eröffnet Vielfalt neue Wege und sichert Freiheit. Um die Toleranz in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Im Allgemeinen ist sie vorhanden, im Konkreten nimmt sie deutlich ab.

    Sven W. Speer
    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.