Martin Luther King – Berlin feiert einen Baptisten

    Mit einem Empfang zum 50. Jahrestag seines Besuchs hat Berlin dem amerikanischen Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King jr gedacht. Kurz nachdem King und seine Mitstreiter die Rassentrennung in den USA kippen konnten, sprach King in Berlin. Er hielt seine Rede zweimal im geteilten Berlin: im Westen und spontan auch im Osten. Für die Einreise musste seine Kreditkarte genügen, da ihm die US-Behörden seinen Pass abgenommen hatten. „Wo Menschen die Mauern der Feindschaft abbrechen, die sie von ihren Brüdern trennen, da vollendet Christus sein Amt der Versöhnung“, verkündete er in beiden Teilen der Stadt. Vor allem im Osten war dies eine bedeutende Botschaft, die die Zuhörer weiter trugen.

    Religiöse Argumente sind heute kaum mehr tragbar

    King wird für seinen gewaltlosen Widerstand und seine Erfolge für Gleichberechtigung und Freiheit geehrt. Mehr oder weniger ausgeblendet wird dabei, wie zutiefst religiös und christlich sein Antrieb war. Denn der Baptistenprediger nutzte eine biblische (Bild-)Sprache, die in der heutigen deutschen Gesellschaft nicht nur die Nichtreligiösen, sondern auch vielen Mitgliedern der katholischen Kirche und der evangelischen Landeskirchen fremd oder gar verstörend erscheint. Religiöse Argumente sind in der deutschen Öffentlichkeit kaum mehr tragbar. Bei King jedoch sind sie zentral: „Now is the time to make justice a reality for all of God’s children“, forderte er in seiner berühmten Rede „I have a dream“ beim Marsch auf Washington.

    [vsw id=“smEqnnklfYs“ source=“youtube“ width=“425″ height=“344″ autoplay=“no“]

    Befremdlich dürfte vielen in der deutschen Gesellschaft zudem die Tatsache sein, dass King Baptistenprediger ist. Baptistische Gemeinden gelten hierzulande nicht selten als „Sekten“ oder zumindest als theologisch unreflektiert bzw. ohne nennenswerten Tiefgang. Tiefe Religiosität weckt hierzulande Misstrauen. Entsprechend häufig wird daher in der Berichterstattung hervorgehoben, dass King in der St. Marienkirche und der Sophienkirche gepredigt hat. So wird der Eindruck erweckt, King sei „evangelisch“ im allgemeinen Sinne, nicht aber Pfarrer einer evangelischen Strömung, die in Deutschland eine Minderheit ist. So zählt der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, unter denen viele baptistisch sind, etwa 82.000 Mitglieder. Hinzu kommen zahlreiche Gemeinden mit russlanddeutschen Wurzeln.

    King wird für seine Verdienste geehrt, seine Andersartigkeit wird ignoriert

    King wird für seine Verdienste geehrt, seine Andersartigkeit, die diese erst hervorgebracht haben, wird aber weitgehend ignoriert. King selbst sieht diese jedoch als zentral an: „Wie einst Sokrates wusste, dass er im Geist des Menschen Spannung hervorrufen musste, damit der einzelne sich aus den Fesseln der Mythen und Halbwahrheiten lösen und aufsteigen konnte in das ungefesselte Reich der schöpferischen Analyse und objektiven Wertung, so müssen wir erkennen, dass gewaltlose, lästige Außenseiter in der Gesellschaft jene Spannung auslösen, welche die Menschen befähigen wird, aus den dunklen Niederungen des Vorurteils und des Rassismus zu den hellen Höhen gegenseitigen Verständnisses und echter Brüderlichkeit aufzusteigen.“ (zitiert nach Michael Blume, Baptisten, Quäker, Unitarier, S. 83)

    Auch wenn sich meine Überzeugung (vermutlich) aus einer anderen Quelle speist als die Kings, gehe ich in ganz ähnlicher Weise davon aus, dass „gewaltlose, lästige Außenseiter“ allein durch ihre Anwesenheit die Freiheit aller in der Gesellschaft schützen, indem sie Mehrheiten und deren Zugriffsrechte auf die Gesellschaft als Ganzes immer wieder neu in Frage stellen.

     
    Bild: U.S. National Archives and Records Administration

     

    Sven W. Speer

    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City.

    Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft
    der Goethe-Universität Frankfurt.