Konfliktsensible Unterbringung von Flüchtlingen – notfalls mit Trennung nach Ethnien und Religionen

    Die Konflikte in Flüchtlingsunterkünften mehren sich. Ein deutliches Zeichen dafür war die „Massenschlägerei“ mit 400 Beteiligten in der Flüchtlingsunterkunft in Kassel-Calden. Den Flüchtlingen droht nicht nur Gefahr rechtsextremistischer Übergriffe von außen – die sich unvermindert fortsetzen – sondern auch innerhalb der Unterkünfte. Als Reaktion darauf wird die getrennte Unterbringung von Flüchtlingen nach Ethnien und Religion gefordert. Andere Stimmen kritisieren dies jedoch aufs Schärfste. Die Diakonie in Niedersachsen bezeichnete eine solche Trennung gar als „Apartheid“. Der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, mahnte, „Asylsuchenden müsse von der ersten Stunde an vermittelt werden, dass unterschiedliche Religionen friedlich zusammen leben sollten“.

    Wie nötig und wie sinnvoll ist eine getrennte Unterbringung?

    Wie nötig und wie sinnvoll ist eine getrennte Unterbringung? In der Regel kommen Menschen unterschiedlicher und keiner Religion im Alltag gut miteinander aus, selbst wenn große Vorbehalte bestehen. Diese gibt es im Übrigen auch in der deutschen Bevölkerung, wie Studien immer wieder zeigen: Jeder Vierte empfindet Muslime als unangenehme Nachbarn, für jeden Dritten gilt dies in Bezug auf Sinti und Roma. Was für die deutsche Bevölkerung gilt, gilt potenziert für Flüchtlinge: Sie leben auf engstem Raum unter widrigen Bedingungen zusammen. Die Aufnahmeeinrichtung in Bramsche-Hesepe ist bspw. für 600 Menschen ausgelegt, derzeit leben dort wohl deutlich mehr als 2.500.

    Unter den Bedingungen knapper Ressourcen und einem Überfluss an Zeit bleiben Konflikte selten aus

    Unter den Bedingungen knapper Ressourcen und einem Überfluss an Zeit bleiben Konflikte selten aus. Die Gründe dafür sind in der Regel nicht die Religionen selbst. Wer einmal längere Zeit zwangsweise und ohne Ausweichmöglichkeit mit Menschen verbringen musste, weiß, wie sich gruppendynamische Prozesse der Abgrenzung entwickeln. In derartigen Situationen fallen Menschen oftmals in Gruppenidentitäten zurück, die vorher womöglich nicht einmal besonders bedeutend waren. Diese Identitäten sind bei betroffenen Flüchtlingen in der Regel ethnisch und religiös begründet. Sie sind zwar nicht die Ursache für Konflikte, an ihnen entlang können sich die Konflikte aber formieren, sobald sie wegen ganz anderer Sachverhalte entstanden sind.

    Die Frage ist nun, wie mit dem Konfliktpotential umgegangen wird. So menschlich das Konfliktpotential ist, so intolerabel ist die aus diesem erwachsene Gewalt. Die Gegner einer „Apartheid“ wollen die Flüchtlinge zwingen, friedlich und respektvoll auf engstem Raum zusammenzuleben. Das ist verständlich, aber schwer für alle zu realisieren – selbst wenn dies den meisten ganz ohne Zwang und aus eigenem Antrieb gelingt. Auch der Verweis auf die dringend nötige Ausweitung der Wohnflächen ist richtig, aber löst das akute Konfliktpotential nicht. Am allerwenigsten hilft die Verteilung des Grundgesetzes in den Sprachen der Flüchtlinge.

    Gefährdete Gruppen prioritär in kleinere Aufnahmeeinrichtungen verlegen

    Wir müssen pragmatisch sein und Konflikte verhindern, so gut es geht. Eine Trennung der Flüchtlinge nach Ethnien und Religionen ist vielerorts nicht möglich. Mit dem Ausbau der Unterbringungskapazitäten können die Flüchtlinge künftig aber in höherem Maße konfliktsensibel untergebracht werden. Häufig gehören zu den gefährdeten Gruppen in den Aufnahmeeinrichtungen Frauen, Christen, Jesiden und Homosexuelle. Diese sollten prioritär aus großen Aufnahmeeinrichtungen in kleinere verlegt werden, um ihre Sicherheit zu erhöhen. Zweifellos ist dies mit einem erhöhten Verwaltungsaufwand verbunden – aber die Errichtung neuer Einrichtungen, die Erhöhung der Sicherheitskräfte in den Einrichtungen, Mediation und Willkommenskurse erfordern ebenfalls Zeit und Energie. Das eine darf nicht zu Lasten des anderen unterbleiben.

    Pragmatismus hilft den Flüchtlingen, nicht das Festhalten an Utopien des harmonischen Miteinanders in Vielfalt, das auch in der deutschen Bevölkerung eher Wunschvorstellung als Realität ist. Daher brauche wir eine konfliktsensible Unterbringung von Flüchtlingen – in Einzelfällen auch mit einer Trennung nach Ethnien und Religionen.

    Sven W. Speer

    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City.

    Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft
    der Goethe-Universität Frankfurt.