Diskussion zum Selbstverständnis von FOR

Das Forum Offene Religionspolitik gibt sich auf seiner Mitgliederversammlung Ende März in Berlin ein Selbstverständnis und Grundsätze einer Offene Religionspolitik. Bereits im Vorfeld der Versammlung lädt FOR ein, den Entwurf des Vorstands zu diskutieren. Als Plattformen werden dafür ein Etherpad (https://etherpad.mozilla.org/pkhEEtdCzB) sowie eine neue Facebook-Gruppe (https://www.facebook.com/groups/1415909008655792/) genutzt. Die Facebook-Gruppe soll künftig auch als Forum für all jene dienen, die sich bei FOR oder mit FOR engagieren. Sie können Ihre Anregungen auch direkt per E-Mail an unseren Vorsitzenden Sven Speer (sven.speer@offene-religionspolitik.de) schicken.

Entwurf des Vorstands: Selbstverständnis und Grundsätze für das Forum Offene Religionspolitik e.V.

Selbstverständnis: Ein vielfältiger Verein für Toleranz und Offene Religionspolitik

  • Das  Forum Offene Religionspolitik ist überkonfessionell und offen für die  Anhänger aller Religionen und Weltanschauungen sowie für Ungebundene.  Dabei macht sich FOR die religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen  und Werte seiner einzelnen Mitglieder nicht zu eigen. FOR bezieht keine  Position zum Wahrheitsanspruch von Religionen und Weltanschauungen.
  • Uns eint unser Einstehen für Religionsfreiheit, Toleranz und Gleichberechtigung, nicht eine gemeinsame Sicht auf die Welt. Das Einstehen für diese Ziele bedeutet keine persönliche Indifferenz.  Unseren Mitglieder steht es frei, ihre ganz unterschiedlichen Werte und  Überzeugungen zu leben und öffentlich für diese einzutreten.
  • FOR tritt für die Freiheit jedes Einzelnen ein, ganz gleich welche Religion er hat oder ob er keine hat. Wir streiten für die Rechte großer und kleiner, alter und neuer  Bekenntnisgemeinschaften – nicht, weil einzelne oder gar alle unserer  Mitglieder deren Werte notwendigerweise teilen würden, sondern weil wir  das Recht jedes Bürgers verteidigen, anders zu sein. Wir treten damit  auch für die Freiheit derjenigen Gemeinschaften ein, deren Werte keines  unserer Mitglieder teilt.
  • Nur wenn Unterschiede erfahrbar sind, kann der Umgang mit ihnen eingeübt werden. Konflikte werden eher zu- als abnehmen, wenn immer  mehr Menschen ihre Freiheit nutzen und eigene Wege gehen. Wir wollen,  dass religionspolitische Umgangsformen stetig fortentwickelt und erprobt  werden. Wir hoffen darauf, dass der Umgang mit Konflikten zur Routine  wird und Konflikte künftig in immer größeren Maße zivilisiert  ausgetragen und kleingearbeitet werden.
  • Wir  bringen alle gesellschaftlichen Gruppen zusammen, um auszuloten, wie  wir trotz aller Unterschiede in Frieden und Freiheit miteinander leben  können. Wir wollen  dazu beitragen, dass die Staaten der Welt zur Heimat aller ihrer Bürger  zu werden, ganz gleich ob sie Christen, Muslime, Hindu, Buddhisten,  Juden, Nichtreligiöse oder Anhänger anderer Bekenntnisses sind.
  • Unverhandelbar  sind für uns die Würde des Menschen, die grundlegenden Menschenrechte  sowie die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Nicht alles, was geglaubt werden kann, darf auch getan werden. Hierbei  gilt es zu beachten, dass eine bestimmte Haltung oder Praxis nicht  bereits dann ein problematisch ist, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung  sie rundweg ablehnt.
  • Die  von FOR oder einzelnen Mitgliedern entwickelten Wege sind keine  unverrückbaren Standpunkte, sondern Vorschläge zu vorläufigen  Kompromissen. FOR  steht für einen ständigen Prozess der Öffnung von Religionspolitik. Wir  bieten Orientierungspunkte dafür, wie das Verhältnis von Staat,  Religionen und Weltanschauungen so gestaltet werden kann, dass der Staat  möglichst wenig in die persönlichen Entscheidungen und Vorstellungen  des Einzelnen eingreift.

Grundsätze einer Offenen Religionspolitik

  • Offene Religionspolitik respektiert die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen in Religion und Weltanschauung. Sie verzichtet daher sowohl auf staatliche Missionierung als auch auf  staatliche Säkularisierung. Der Staat lässt die Antwort auf letzte  Fragen offen und gibt keine Wahrheiten vor. Die Entscheidung für oder  gegen eine Religion oder spezifische Gemeinschaften überlässt eine  Offene Religionspolitik dem Einzelnen.
  • Die  religiös-weltanschauliche Offenheit des Staates ist ein Recht jedes  einzelnen Bürgers und wird nicht bloß von einer Mehrheit gegenüber einer  Minderheit gewährt. Der Staat ist der Staat aller seiner Bürger. Vor ihm sind alle Bürger  gleich. Der Staat stellt für jeden seiner Bürger unabhängig von seinem  Bekenntnis ein Instrument dar, die eigenen Vorstellungen eines guten  Lebens für sich zu verwirklichen.
  • Religiöse Vielfalt ist in freien Gesellschaften zuallererst ein Ergebnis individueller Entscheidungen. Sie beruht nicht primär auf kulturellen Unterschieden in  Einwanderungsgesellschaften. Daher ist weder das Modell des ‚Kampfes der  Kulturen‘ geeignet, die Auseinandersetzungen um Religion zu  beschreiben, noch ist ein ‚Dialog der Kulturen‘ die entscheidende  Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Religionspolitik ist  keine Integrationspolitik, sondern Anerkennungspolitik.
  • Die  Unbefangenheit des Staates ist die Grundlage für die freie  Religionsausübung und die Ausübung keiner Religion für jeden Einzelnen. Aus ihr folgt nicht, dass Religionen und Weltanschauungen aus dem  öffentlichen Raum verdrängt werden. Das Gegenteil ist der Fall: Während  der Staat sich religiös-weltanschaulichen Zwangs zu enthalten hat, haben  seine Bürger das Recht, ihren Glauben bzw. Nichtglauben öffentlich zu  leben.
  • Offene  Religionspolitik garantiert nicht nur die Freiheit des Gewissens,  sondern auch die Freiheit religiöser und weltanschaulicher Praxis. Jeder Einzelne das Recht, seine Religion oder Weltanschauung in das  öffentliche Leben einzubringen. Die Bürger haben ferner die Freiheit,  für ihren Glauben oder ihren Nichtglauben öffentlich zu werben. Dies  schließt das Recht auf Blasphemie ein.
  • Der Einzelne muss sich auch für das entscheiden können, was in den Augen anderer falsch und unvernünftig ist. Der Wert der Freiheit ergibt sich daraus, dass sich Menschen für höchst  unterschiedliche Lebenswege entscheiden können. Die sich daraus  ergebenden Konflikte nimmt Offene Religionspolitik hin. Gleichzeitig  garantiert der Staat dass Ein- und Austritt bei religiösen und  weltanschaulichen Gemeinschaften ausreichend niedrig sind, um  Wahlfreiheit zu gewährleisten.
  • Nur wenn Unterschiede offen diskutiert werden, lassen sich die Konflikte zwischen widerstrebenden Auffassungen kleinarbeiten und zivilisieren. Die Zulassung der Sichtbarkeit voneinander abweichender religiöser und  weltanschaulicher Vorstellungen in der Öffentlichkeit setzt eine breite  Akzeptanz der verschiedenen Vorstellungen in der Bevölkerung weder  voraus, noch sollte sie erzwungen werden. Jeder hat das Recht, andere  Positionen öffentlich zu kritisieren.
  • Ist  die freiheitlich-offene Ordnung der Gesellschaft akut gefährdet, ist  der Staat im Einzelfall zur Einschränkung religiöser und  weltanschaulicher Freiheiten befugt. Mitunter bringen Religionen und Weltanschauungen Gruppierungen hervor,  die die Freiheitsrechte ihrer eigenen Anhänger und anderer Mitglieder  der Gesellschaft missachten. Offene Religionspolitik versucht, diesem  Potenzial so lange wie möglich durch eine aktive Einbindung und die  Einübung von Toleranz entgegen zu wirken.
  • Der Staat fördert nichtstaatliche Angebote in Bildung und Wohlfahrt in gleicher Weise wie seine eigenen. Auf diese Weise ermöglicht er ein pluralistisches Angebot, das der  Vielfalt seiner Bürger Rechnung trägt und der Marginalisierung all jener  entgegen wirkt, die sich aufgrund ihrer religiösen und  weltanschaulichen Vorstellungen nicht mit den Einrichtungen des Staates  identifizieren können oder sich schlicht für sie passendere Angebote  schaffen wollen.