Die interreligiöse Begegnung: Fettnäpfchen voraus!

    Knigge rät: Finger weg von den Themen Religion und Politik! Als religionspolitischer Verein können wir genau diesen Themen jedoch nicht ausweichen. Wie schaffen wir es trotzdem, den überall lauernden Fettnäpfchen auszuweichen? Ganz einfach: Wir schaffen es nicht. Zwar steuern wir Fettnäpfchen nicht gezielt an, aber wir erwischen immer wieder eins.

    Fehltritte sind an der Tagesordnung – im wahrsten Sinne des Wortes: In einer Moschee habe ich zwar meine Schuhe ausgezogen, wie es sich gehört, aber bin dann mit meinen Strümpfen auf den Schuhbereich getreten, was sich nicht gehört. Um mehr Platz für die Gläubigen zu schaffen, habe ich den Gebetsraum verlassen – allerdings zu früh, so dass aus meinem Zeichen des Respekts eine unnötige Störung wurde. Da ich als katholischer Christ aufgewachsen bin, bin ich in Kirchen weit weniger Elefant im Porzellanladen. Viele christliche Strömungen sind jedoch weit stärker formalisiert als der Islam, so dass auch hier zahlreiche Fettnäpfchen lauern.

    Letztlich habe ich bislang keine Gemeinschaft erlebt, die keine Nachsicht mit den Fehltritten ihrer Gäste (will heißen: häufig meinen) geübt hätte. Die gleiche Nachsicht lege ich auch jedem Gast nahe. Als Nichtreligiöser bin ich unschlüssig, was mir innerlich stärker zuwider läuft: Bei Vorträgen als defizitär bezeichnet zu werden, da ich keine Religion habe, oder als so gleich eingebunden zu werden, dass ich aufgefordert werde, mitzubeten oder gar ein eigenes ‚Gebet‘ beizusteuern – was mir fremder kaum sein könnte. Unangenehm sind auch sehr persönliche Fragen nach dem eigenen Beziehungsstatus, und Ratschläge, man solle doch alsbald heiraten.

    Aus den geschilderten Fehltritten habe ich nicht nur gelernt, was jeweils (vermutlich) angemessen gewesen wäre, sondern auch, dass sich Fehltritte nicht vermeiden lassen. Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger. Es wird immer schwieriger zu wissen, wie wir uns als Gast verschiedener Gemeinschaften verhalten sollen und wie wir uns gegenüber Gästen dieser Gemeinschaften verhalten sollen. Auch die Adressierung ihrer Angehörigen und die Anrede ihrer Würdenträger stellen uns vor Herausforderungen. Vielfalt sind wir nicht gewohnt. Entsprechend wenig ausgeprägt sind Regeln des Umgangs miteinander. Sie müssen nicht nur eingeübt, sondern vielfach erst noch entwickelt werden.

    Als Leitlinien für die Einübung des Umgangs in einer vielfältigen Gesellschaft empfehle ich Respekt, Nachsicht und Austausch. Aus Respekt vor dem anderen sollten wir versuchen, uns so zu verhalten, wie es von uns erwartet wird – auch wenn hier freilich jeder Grenzen hat, die er nicht überschreiten will und auch nicht muss. Die Nachsicht gebietet uns, darüber hinwegzusehen, wenn jemand sich nicht so verhält, wie wir es erwarten. Der Austausch schließlich dient dazu, die Erwartungshaltungen und die Grenzen sichtbar und erfahrbar zu machen. Häufig kommt aber gerade der Austausch zu kurz. Respekt als Gast kann ich nur erweisen, wenn ich weiß, was erwartet wird. Und als Gastgeber kann ich nur respektvoll sein, wenn ich die Grenzen des Gastes kenne. Die interreligiöse Begegnung wird einfacher, wenn wir wissen, wo unser Gegenüber steht und wo er erwartet, dass wir stehen.

    Sven W. Speer

    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City.

    Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft
    der Goethe-Universität Frankfurt.