Singende Muslime, in Joghurt badende Götter und das Taj Mahal Berlins

von Sven W. Speer

Die Lange Nacht der Religionen in Berlin hat den zehn Teilnehmern der Tour des Forums Offene Religionspolitik eine bunte Vielfalt religiöser Eindrücke vermittelt. Gemeinsam war den Gemeinschaften, die wir besucht haben, nur die Gastfreundschaft – und dass überall die Schuhe ausgezogen wurden. Weiterlesen

Video online: Was gehört zu Deutschland? Podiumsdiskussion bei der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg

„Was gehört zu Deutschland?  – Humanismus, Reformation und moderner Pluralismus“, unter dieser Frage diskutierten 60 Gästeder Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg am 9. und 10. Oktober in Berlin. Das religionspolische Abschlussplenum moderierte der Vorsitzende des Forums Offene Religionspolitik, Sven Speer. Er diskutierte mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und Dr. Thomas Heinrichs. Weiterlesen

Mit dem FOR die religiöse Vielfalt Berlins erlebt

von Michael Mahler

Was hat man nicht schon alles von Hinterhof-Moscheen gehört. Oft nichts Gutes. Wer weiß denn schon genau, was bärtig-grimmige Männer hinter diesen Mauern so alles aushecken? Das „Forum Offene Religionspolitik“ (FOR) hat eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen: bei der „Langen Nacht der Religionen“.

„Wer einen Menschen tötet,“ zitiert Kilic aus einer Sure, „dann ist es, als ob er die gesamte Menschheit getötet habe.“ Überhaupt würde vergessen, dass Allah im Islam stets als derjenige beschrieben werde, „der barmherzig und gnädig ist“.

Erste Station: Die Semerkand-Moschee in Berlin-Mitte. Eine Hinterhof-Moschee zwar, aber einen verschworenen Sitzkreis alter Männer findet man nicht vor. Stattdessen tollen zwei kleine Mädchen über den roten Gebetsteppich, während der Vereinsvorsitzende des Semerkand-Kulturzentrums, Ali Kilic, den Besuchern das Gemeindeleben vorstellt. Hierher kämen Gläubige mit türkischen oder kurdischen Wurzeln gleichermaßen. Die Gemeinde legt somit nicht nur Wert auf einen offenen Umgang mit allen Religionen und Institutionen. Sie lebt auch selbst Vielfalt. Im Austausch scheint es fast, als triebe sie der Terror des sogenannten „Islamischen Staats“ sogar noch mehr um, als ihre christlichen und nicht-religiösen Besucher. „Wer einen Menschen tötet,“ zitiert Kilic aus einer Sure, „dann ist es, als ob er die gesamte Menschheit getötet habe.“ Überhaupt würde vergessen, dass Allah im Islam stets als derjenige beschrieben werde, „der barmherzig und gnädig ist“. Kilic nimmt eine Gebetskette von der Wand: Die Misbaha, eine Art islamischer Rosenkranz. Islamisten lehnten diese als unislamisch strikt ab, weil der Prophet Mohammed sie selbst nie benutzt haben soll. „Ein Flugzeug gab es zu Mohammeds Zeiten auch nicht,“ stellt Kilic fest. „Da haben sie aber kein Problem, dieses zu benutzen.“ Die Misbaha hat 99 Perlen und hilft im Gebet dem Abzählen der 99 Namen Allahs. Vor allem im Sufismus ist die Gebetskette zuhause. Dieser besonders spirituellen Strömung rechnet sich auch die Semerkand-Moschee zu. Was auch immer man also vorher schon über den Islam wusste: Am Ende war das eigene Bild wohl trotzdem noch etwas bunter.

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Die Mormonen verstehen sich selbst als Christen, auch wenn man ein Kreuz in ihren Räumen vergeblich sucht. Das fehlende Kreuz solle den Glauben mehr auf die Auferstehung ausrichten, erklärt Bischof Gregory Fawson.

„Hast du schon vom Buch Mormon gehört?“ Eine Frage, die vielleicht dem einen oder anderen Passanten auf der Straße schon einmal gestellt wurde, von Missionaren mit Anzug und Namensschild. Sonst dürfte das eigene Bild von den Mormonen aber bei den meisten ziemlich blass sein. In dieser „Langen Nacht der Religionen“ sollte es etwas mehr Farbe bekommen: Das „Forum Offene Religionspolitik“ war bei der „Kirche Jesu Christi, den Heiligen der letzten Tage“ zu Gast. Eine Gemeinschaft, die eigenen Angaben zufolge in Deutschland knapp 40.000 Mitglieder hat. Bei der Führung durch ihr Berliner Gemeindehaus – in dem auch eine große Turnhalle nicht fehlen darf – wird manches klarer. Die Mormonen verstehen sich selbst als Christen, auch wenn man ein Kreuz in ihren Räumen vergeblich sucht. Das fehlende Kreuz solle den Glauben mehr auf die Auferstehung ausrichten, erklärt Bischof Gregory Fawson. Der zentralste Unterschied zu den anderen christlichen Kirchen ist jedoch das Buch Mormon. Es steht gleichberechtigt neben der Bibel und soll auf den von dem Engel Moroni geoffenbarten Schriften beruhen. Religionsgründer Joseph Smith gilt als Urheber des Buchs, das für Mormonen ein weiteres Evangelium beinhaltet. Trotz eines hierarchischen Aufbaus darf in der Kirche jede und jeder predigen – von Kindesbeinen an. Schließlich stehe der Name der „Heiligen der letzten Tage“ dafür, dass jeder Mensch selbst zu einem Propheten werden kann. Und so sind einige Fragezeichen aus den Augen der Besucher dann doch verschwunden.

Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden.

Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden.

Fragezeichen sind offenbar auch die Quäker gewohnt. Sie haben sogar ein Quiz vorbereitet, als die Freunde und Mitglieder des FOR in ihr kleines Büro in der Berliner Planckstraße drängen. Auch die „Religiöse Gesellschaft der Freunde“, wie die Quäker offiziell heißen, begreifen sich als Christen. So lautet eine Quizfrage: Wie viele Sakramente haben Quäker? Die kurze Antwort: Keines. Das ganze Leben ist für sie ein Sakrament. Dabei glauben Quäker daran, das Göttliche in jedem Menschen und in der Welt zu finden. Jesus gilt ihnen als Vorbild, um nach Werten wie Einfacheit und Gleichwürdigkeit aller Menschen zu leben. Eine feste Lehre gibt es nicht. Auch die gemeinsamen Andachten folgen keiner bestimmten Liturgie. In der schlichten Stille dieser Zusammenkunft suchen Quäker sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und von Negativem wie Angst und Egoismus frei zu werden. Jedoch können dort auch spirituelle Erfahrungen ausgetauscht werden. Für die im ganzen Bundesgebiet verstreuten Quäker ist der regelmäßige Besuch einer Andacht aber aufgrund ihrer geringen Zahl keine Selbstverständlichkeit. So fällt die Antwort auf die Frage, wie viele Quäker es in Deutschland offiziell gibt, für die meisten Besucher verblüffend aus: Es sind tatsächlich nur 250. Während das deutsche Quäkertum liberal geprägt ist, herrscht weltweit in der lose strukturierten Gemeinschaft eine große Vielfalt an Richtungen. Allerdings brachte auch die weltweit kleine Gruppe von lediglich 350.000 Quäkern bedeutende Organisationen hervor: Sowohl die Menschenrechtsorganisation Amnesty International als auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte Quäker unter ihren Gründungsmitgliedern. Eine nicht weniger interessante Erkenntnis des Quäker-Quiz‘.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus.

Nach so vielen Fragen und Antworten klingt der Abend bei Jazz-Klängen in der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala e.V. aus. Der eine oder die andere ließ sich noch eine der angebotenen koscheren Leckereien schmecken. Und dann war die „Lange Nacht der Religionen“ für dieses Jahr auch schon wieder vorbei. Ein wohl für alle lohnender Abend, bei dem eine religiöse Vielfalt Deutschlands zu erleben war – aber keine abgeschottete Hinterhof-Moschee.

Der Einladung des „Forums Offene Religionspolitik“ waren ein Dutzend Interessierte gefolgt.

 

Weitere Impressionen des Abends

Fotos: Marcel Schiller/Forum Offene Religionspolitik

Wie fänden Sie es, neben einem Juden oder Moslem zu wohnen?

von Sven W. Speer

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. hat erhoben, wie angenehm einzelne Gruppen von Menschen als Nachbarn empfunden werden. Das neue an der Studie ist, dass nicht nur die Einstellungen gegenüber einzelnen Gruppen erhoben worden ist, sondern auch die Einstellungen der Gruppen gegenüber anderen Gruppen.

Für 25 % der Befragten sind Muslime als Nachbarn unangenehm

Die Einstellungen in der Bevölkerung insgesamt decken sich mit bisherigen Befunden. Die beliebtesten Nachbarn sind „Deutsche“: „Deutsche“ werden von 71,4 % als Nachbarn wertgeschätzt, nur 2,0 % fänden „Deutsche“ unangenehm und 26,6 % teils/teils. Der Wert der „Deutschen“ ist noch etwas höher als der Wert der Christen. 61,0 % finden diese angenehm, 36,1 % teils/teils und 2,9 % finden sie unangenehm. Der Wert für Juden ist bereits deutlich niedriger: 51,3 % empfinden sie als eher angenehme Nachbarn, 42,8 % antworten mit teils/teils und ganze 5,9 % finden Juden als Nachbarn eher unangenehm. Muslime stehen noch deutlich schlechter da. 25,0 % der Befragten empfinden Muslime als Nachbarn eher angenehm. 50,9 % beantworten die Frage mit „teils/teils“ und beachtliche 24,0 % antworteten mit „eher unangenehm“.

Zu den abgefragten Gruppen gehören neben religiösen Gruppen auch ethnische Gruppen. Das Schlusslicht in der Wertschätzung bilden Sinti und Roma. 33,9 % schreiben ihnen zu, eher unangenehme Nachbarn zu sein, 46,0 % antworteten mit teils/teils und lediglich 20,9 % meinen, sie seien eher angenehmen Nachbarn. Weitere Ethnien wurden abgefragt, aber keine weiteren Religionszugehörigkeiten. Bei Buddhisten und Hinduisten ist dies verständlich. Eine Abfrage der Einstellung gegenüber Nichtreligiösen wäre indes wünschenswert gewesen, ist doch inzwischen jeder Dritte in Deutschland nicht mehr religiös. Interessant ist, dass das Deutschsein noch etwas angenehmer wirkt als das Christlichsein. Womöglich deutet sich damit an, dass in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend die deutsche Identität positiver und als eine die Unterschiede transzendierende Identität gesehen wird, während das Christentum als gesamtgesellschaftliche Klammer langsam schwächer wird.

12,2 % der ethnischen Türken empfinden Juden als Nachbarn unangenehm

Die Studie fragt auch die Toleranz einzelner Gruppen gegenüber anderen Gruppen ab. Leider werden die Gruppen nur nach ethnischen Hintergründen gebildet, nicht nur religiöser und weltanschaulicher Bindung. So lässt sich lediglich die Toleranz gegenüber einzelnen Religionen innerhalb der ethnischen Gruppen ablesen und nicht die Toleranz der Anhänger von Religionen. Als unangenehm empfinden 5,9 % der ethnischen Deutschen Juden als Nachbarn. Bei Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion ist dieser Wert mit 5,4 % etwas niedriger, was auch daran liegen mag, dass zahlreiche Juden in Deutschland aus eben jenen Gebieten eingewandert sind. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 8,7 % und bei den ethnischen Türken auf 12,2 %. Einwanderung hat dadurch nicht nur jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich gemacht, sondern zieht auch ein neues antisemitisches Potential nach sich.

Da „Türken“ meist mit Muslimen gleichgesetzt werden, erlauben die die Türken betreffenden Zahlen auch Rückschlüsse auf die Toleranz gegenüber Muslimen. Das Gesamtergebnis der Befragung besagt, dass 19,4 % türkische Nachbarn als eher unangenehm einstufen. Von den ethnischen Deutschen bezeichnen 19,5 % türkische Nachbarn als eher unangenehm. Bei den Einwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind es 23, % und bei den ethnischen Polen 22,8 %. Aber auch von den ethnischen Türken selbst empfinden 6,8 % andere Türken als Nachbarn eher unangenehm. Dies könnte damit zu tun haben, dass eine „deutsche“ Nachbarschaft nicht selten als sozialer Aufstieg gesehen wird.

Ein Gradmesser gesellschaftlicher Toleranz ist auch die Einstellung gegenüber Homosexuellen. 8,5 % der ethnischen Deutschen sehen in ihnen unangenehme Nachbarn. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 12,3 %. Bei den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion steigt die Ablehnung von Homosexuellen als Nachbarn auf 33,8 % und bei ethnischen Türken sogar auf 37,8 %. Die politisch-kulturelle Prägung des Herkunftslands wirkt offenbar spürbar nach.

Benachteiligte Gruppen sind nicht frei von eigenen Vorbehalten

Wie können die Ergebnisse der Studie interpretiert werden? Zum einen zeigen die Zahlen, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland nach wie vor weit verbreitet ist. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass diejenigen Gruppen, gegenüber denen in der breiten Gesellschaft Vorbehalte bestehen, keineswegs frei von eigenen Vorbehalten sind. Als Einwanderungsgesellschaft importiert Deutschland wie jede andere Einwanderungsgesellschaft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Vorurteile im Gewand kultureller, politischer und religiöser Prägung.  Nur weil jemandem von der Gesellschaft keine Offenheit entgegengebracht wird, wird er nicht automatisch selbst zu einem Befürworter von Offenheit – auch wenn er Offenheit gegenüber der eigenen Gruppe einfordert.

Abbau von Vorbehalten erfordert Anstrengung auf allen Seiten

In einer vielfältigen Gesellschaft ist jeder Einzelne von uns auf die Toleranz und das grundsätzliche Wohlwollen anderer angewiesen. Daher müssen wir daran arbeiten, Vorurteile und Vorbehalte abzubauen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße und erfordert Anstrengung auf allen Seiten. Letztlich zeigt die Umfrage aber auch, dass ein Anfang gemacht ist und viele Menschen in Deutschland – in allen Bevölkerungsgruppen – tolerant sind.

 

Die Daten finden Sie in der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts auf den Seiten 97 und 98:

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/FB_127.pdf