Identität in der Abgrenzung – Thomas de Maizière und die Leitkulturdebatte

von Maximiliane Rink

Pure rechte Stimmungsmache, so betitelt ‚Die Zeit‘ ihren Kommentar über Thomas de Maizières Überlegungen zur Leitkultur, die am 30.04.2017 als Gastbeitrag in der ‚Bild am Sonntag‘ erschienen. Auch in vielen anderen Veröffentlichungen, die folgten, wurde der Artikel bestenfalls mit Unverständnis quittiert. Dieses begann meist schon bei der Wahl des Begriffes ‚Leitkultur‘. Für de Maizière setzt sich Leitkultur aus dem Begriff ‚Kultur‘ und dem Verb ‚leiten‘ zusammen. Eine Deutung, der man nicht widersprechen kann. Allerdings besteht für mich eine Besonderheit der deutschen Sprache in ihren Komposita. Und deren Besonderheit wiederum ist: sie emanzipieren sich von ihren ursprünglich eigenständigen Bestandteilen insoweit, dass sie eigenständig in ihrer Wirkungsgeschichte betrachtet werden sollten. Dies gilt insbesondere auch für den Begriff Leitkultur, der in den letzten Jahren zunehmend ideologisch gebraucht wurde und in durchaus wechselvoller Weise die Integrationsdebatte in Deutschland mitbestimmte. Weiterlesen

Plädoyer für Weltoffenheit und Toleranz – Impuls von Sven Speer in Mühlheim an der Ruhr vom 21.11.15

von Sven W. Speer

Wer weltoffen sein will, muss sich im Klaren darüber sein, wie die Welt tatsächlich ist. Anders als von vielen – auch von vielen Experten – angenommen, lässt sich im globalen Maßstab keine Säkularisierung beobachten. Es gibt also keinen Niedergang der Religion. Brian Grim und Philipp Connor haben berechnet, dass die Zahl der Religiösen in der Welt von 2010 bis 2050 23mal so schnell wächst wie die Zahl der Nichtreligiösen. Der Anteil der religiös Ungebundenen wird von 16 % der Weltbevölkerung auf 13 % fallen. Darüber hinaus wird es eine Verschiebung der Gewichte der Religionen geben. Sind heute 7 der wirtschaftlich bedeutendsten Staaten mehrheitlich christlich dominiert, werden 2050 nur noch die USA als mehrheitlich christliche Nation dazugehören. Neu in diesem Club hingegen werden China und Japan als religiös vielfältige Staaten, Indien als mehrheitlich hinduistischer Staat und Indonesien als mehrheitlich muslimischer Staat sein. Weiterlesen

Überraschung: Flüchtlinge sind Menschen – im Guten wie im Schlechten

von Sven W. Speer

Der Flüchtling wird dieser Tage als Mensch entdeckt. Erst maß die Öffentlichkeit die Flüchtlinge nur in Zahlen (wenig menschlich), später auch in Zahlen von Ertrunkenen (Sterben ist sehr menschlich). In den letzten Wochen begrüßten Zehntausende in Deutschland die Flüchtlinge als Mitmenschen an Bahnhöfen mit Lebensmitteln, Kleidung und Spielzeugen für die Kinder. Verständnis wächst sogar dafür, dass Flüchtlinge ausgerechnet ein Smartphone bei sich tragen – einen zwar kostspieligen Gegenstand, aber selbst für Nicht-Flüchtende oft vermeintlich unverzichtbaren Gegenstand. Soweit kann Mitmenschlichkeit gehen. Ein schönes Bild. Ein zu schönes Bild für einige.

In all diese Mitmenschlichkeit mischt sich nun der Verdacht, dass Flüchtlinge keine Übermenschen, sondern Menschen

In all diese Mitmenschlichkeit mischt sich nun der Verdacht, dass Flüchtlinge keine Übermenschen, sondern auch ’nur‘ Menschen sind: Flüchtlinge seien fehlbar und könnten auch gefährlich werden. Was für eine Überraschung! Sie kommen aus Staaten, die keine freiheitlichen Demokratien und vielleicht nicht einmal funktionierende Staaten sind. Vor dem Hintergrund, dass auch nicht jeder Deutsche ein eifriger Verfechter unserer Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung ist – und es in meinen Augen dazu auch keine staatliche Pflicht geben kann – verwundert es nicht, dass auch die Flüchtlinge häufig keine gestandenen Demokraten und Menschenrechtler sind.

Diese Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen und seine Anfälligkeit für Ideen, die zu Freiheit und Demokratie im Widerspruch stehen, erscheinen dieser Tage als große Neuerung. Gideon Böss warnt in seinem WELT-Blog: „Wer mit Frauenrechten, freier Presse, unabhängiger Justiz, mit Meinungs- und Religionsfreiheit nichts anfangen kann und sie zu zerstören versucht, sollte in Deutschland eben nicht willkommen sein.“ Michael Martens hat in der FAZ einen „Willkommensbrief“ für Flüchtlinge vorgeschlagen, in dem die Grundwerte unserer freiheitlichen Ordnung zusammengefasst werden.

Mir liegt es fern, die beiden in die rechte Ecke zu stellen. Probleme mit Flüchtlingen und ihren Einstellungen werden auf uns zukommen. Die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um? Ich schlage dafür Nüchternheit und Unaufgeregtheit vor. Anstatt Probleme bloß zu schildern oder Aktionismus zu fordern, habe ich mehrere > Maßnahmen vorgeschlagen, die allesamt ausführlicher im Policy Brief „Flüchtlinge: Tarnung und Nachwuchs für Terroristen?“ nachzulesen sind. Sie umzusetzen beugt nicht nur Terrorismus vor, sondern erhöht auch die Wertschätzung für unser Grundgesetzes. Zugegeben, die Maßnahmen beziehen sich allesamt auf muslimische Flüchtlinge – sie stehen nun einmal am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit. Sie sind übertragbar auch auf flüchtende Angehörige anderer Bekenntnisse.

Maßnahmen, die Integration erleichtern

Wir können islamische Initiativen als Hilfe begreifen

Muslimische Gruppen engagieren sich bereits jetzt intensiv für die Flüchtlinge. Diesem Engagement sollte mit Wohlwollen und Dankbarkeit, nicht mit Misstrauen begegnet werden. Von Bedeutung sind nicht nur die praktische Hilfe für die Flüchtlinge und die Kenntnis der arabischen Sprache: Liberale, moderate und auch konservative Muslime lehnen den Salafismus ab und decken entsprechende Initiativen häufig weit schneller auf als Verwaltungen.

Wir müssen islamische Wohlfahrt einbeziehen und fördern

Anders als damals muss die Politik für religiöse Zusammenhänge sensibler sein, um Integration zu erleichtern und Radikalisierung vorzubeugen. Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege haben in den vergangenen Jahrzehnten hinzugelernt. Ein gleichberechtigt zu Caritas, Diakonie, Paritätischem usw. geförderter islamischer Wohlfahrtsverband ist nicht nur sensibler für die Bedürfnisse muslimischer Flüchtlinge, sondern auch ein Signal für die Offenheit und Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Dies baut Vorbehalte ab bzw. lässt sie gar nicht erst aufkommen.

Wir müssen islamische Seelsorge ermöglichen, um Krieg, Flucht und Vertreibung verarbeiten zu können

Für viele Flüchtlinge (aber auch Auswanderer allgemein) stellt die eigene Religion eine wesentliche Identitätsressource in der Aufnahmegesellschaft dar. Religiöse Bindungen und Identitäten gewinnen für Migranten sogar noch an Bedeutung. Krieg, Flucht und Vertreibung lassen sich daher gut im Kontext bestehender religiöser Bezüge verarbeiten. Diese Funktion können Imame und andere islamische Seelsorger erfüllen, die sowohl die deutsche Gesellschaft kennen, als auch Muslime sind.

Wir müssen islamischen Religionsunterricht und Schulbesuch ermöglichen

Die reflektierte und altersangemessene Reflexion religiöser Inhalte und die Hinnahme theologischer Vielfalt (bspw. Sunna, Schia) macht unempfänglicher für die verkürzten und vereinfachten Ableitungen der Salafisten aus dem Koran. Junge Flüchtlinge lernen dabei nicht nur einen Islam kennen, der seinen Platz in einer pluralistischen Gesellschaft gefunden hat. Sie erfahren vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, dass es einen Islam gibt, der weder politisch kontrolliert noch politisch instrumentalisiert wird.

Wir müssen Flüchtlinge als Brücke im positiven Sinne wirken lassen

Je besser die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland gelingt, desto stärker wird die in Deutschland wachsende Diaspora auf ihre Heimatländer zurückwirken können. Wenn ethnische und religiöse Konflikte in Deutschland überwunden werden können, kann dies Schlichtungen in den Herkunftsräumen erleichtern, wodurch an jahrhundertelang eingeübte, aber keineswegs ausgereifte Formen des Miteinanders auf erneuerter Grundlage angeknüpft werden kann.

 

 

Wie fänden Sie es, neben einem Juden oder Moslem zu wohnen?

von Sven W. Speer

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. hat erhoben, wie angenehm einzelne Gruppen von Menschen als Nachbarn empfunden werden. Das neue an der Studie ist, dass nicht nur die Einstellungen gegenüber einzelnen Gruppen erhoben worden ist, sondern auch die Einstellungen der Gruppen gegenüber anderen Gruppen.

Für 25 % der Befragten sind Muslime als Nachbarn unangenehm

Die Einstellungen in der Bevölkerung insgesamt decken sich mit bisherigen Befunden. Die beliebtesten Nachbarn sind „Deutsche“: „Deutsche“ werden von 71,4 % als Nachbarn wertgeschätzt, nur 2,0 % fänden „Deutsche“ unangenehm und 26,6 % teils/teils. Der Wert der „Deutschen“ ist noch etwas höher als der Wert der Christen. 61,0 % finden diese angenehm, 36,1 % teils/teils und 2,9 % finden sie unangenehm. Der Wert für Juden ist bereits deutlich niedriger: 51,3 % empfinden sie als eher angenehme Nachbarn, 42,8 % antworten mit teils/teils und ganze 5,9 % finden Juden als Nachbarn eher unangenehm. Muslime stehen noch deutlich schlechter da. 25,0 % der Befragten empfinden Muslime als Nachbarn eher angenehm. 50,9 % beantworten die Frage mit „teils/teils“ und beachtliche 24,0 % antworteten mit „eher unangenehm“.

Zu den abgefragten Gruppen gehören neben religiösen Gruppen auch ethnische Gruppen. Das Schlusslicht in der Wertschätzung bilden Sinti und Roma. 33,9 % schreiben ihnen zu, eher unangenehme Nachbarn zu sein, 46,0 % antworteten mit teils/teils und lediglich 20,9 % meinen, sie seien eher angenehmen Nachbarn. Weitere Ethnien wurden abgefragt, aber keine weiteren Religionszugehörigkeiten. Bei Buddhisten und Hinduisten ist dies verständlich. Eine Abfrage der Einstellung gegenüber Nichtreligiösen wäre indes wünschenswert gewesen, ist doch inzwischen jeder Dritte in Deutschland nicht mehr religiös. Interessant ist, dass das Deutschsein noch etwas angenehmer wirkt als das Christlichsein. Womöglich deutet sich damit an, dass in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend die deutsche Identität positiver und als eine die Unterschiede transzendierende Identität gesehen wird, während das Christentum als gesamtgesellschaftliche Klammer langsam schwächer wird.

12,2 % der ethnischen Türken empfinden Juden als Nachbarn unangenehm

Die Studie fragt auch die Toleranz einzelner Gruppen gegenüber anderen Gruppen ab. Leider werden die Gruppen nur nach ethnischen Hintergründen gebildet, nicht nur religiöser und weltanschaulicher Bindung. So lässt sich lediglich die Toleranz gegenüber einzelnen Religionen innerhalb der ethnischen Gruppen ablesen und nicht die Toleranz der Anhänger von Religionen. Als unangenehm empfinden 5,9 % der ethnischen Deutschen Juden als Nachbarn. Bei Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion ist dieser Wert mit 5,4 % etwas niedriger, was auch daran liegen mag, dass zahlreiche Juden in Deutschland aus eben jenen Gebieten eingewandert sind. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 8,7 % und bei den ethnischen Türken auf 12,2 %. Einwanderung hat dadurch nicht nur jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich gemacht, sondern zieht auch ein neues antisemitisches Potential nach sich.

Da „Türken“ meist mit Muslimen gleichgesetzt werden, erlauben die die Türken betreffenden Zahlen auch Rückschlüsse auf die Toleranz gegenüber Muslimen. Das Gesamtergebnis der Befragung besagt, dass 19,4 % türkische Nachbarn als eher unangenehm einstufen. Von den ethnischen Deutschen bezeichnen 19,5 % türkische Nachbarn als eher unangenehm. Bei den Einwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind es 23, % und bei den ethnischen Polen 22,8 %. Aber auch von den ethnischen Türken selbst empfinden 6,8 % andere Türken als Nachbarn eher unangenehm. Dies könnte damit zu tun haben, dass eine „deutsche“ Nachbarschaft nicht selten als sozialer Aufstieg gesehen wird.

Ein Gradmesser gesellschaftlicher Toleranz ist auch die Einstellung gegenüber Homosexuellen. 8,5 % der ethnischen Deutschen sehen in ihnen unangenehme Nachbarn. Bei den ethnischen Polen steigt dieser Wert auf 12,3 %. Bei den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion steigt die Ablehnung von Homosexuellen als Nachbarn auf 33,8 % und bei ethnischen Türken sogar auf 37,8 %. Die politisch-kulturelle Prägung des Herkunftslands wirkt offenbar spürbar nach.

Benachteiligte Gruppen sind nicht frei von eigenen Vorbehalten

Wie können die Ergebnisse der Studie interpretiert werden? Zum einen zeigen die Zahlen, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland nach wie vor weit verbreitet ist. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass diejenigen Gruppen, gegenüber denen in der breiten Gesellschaft Vorbehalte bestehen, keineswegs frei von eigenen Vorbehalten sind. Als Einwanderungsgesellschaft importiert Deutschland wie jede andere Einwanderungsgesellschaft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Vorurteile im Gewand kultureller, politischer und religiöser Prägung.  Nur weil jemandem von der Gesellschaft keine Offenheit entgegengebracht wird, wird er nicht automatisch selbst zu einem Befürworter von Offenheit – auch wenn er Offenheit gegenüber der eigenen Gruppe einfordert.

Abbau von Vorbehalten erfordert Anstrengung auf allen Seiten

In einer vielfältigen Gesellschaft ist jeder Einzelne von uns auf die Toleranz und das grundsätzliche Wohlwollen anderer angewiesen. Daher müssen wir daran arbeiten, Vorurteile und Vorbehalte abzubauen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße und erfordert Anstrengung auf allen Seiten. Letztlich zeigt die Umfrage aber auch, dass ein Anfang gemacht ist und viele Menschen in Deutschland – in allen Bevölkerungsgruppen – tolerant sind.

 

Die Daten finden Sie in der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts auf den Seiten 97 und 98:

http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/FB_127.pdf