Auf welche Berufe bereitet das Studium der islamischen Theologie vor?

von Samet Balci

Samet Balci

Samet Balci

Grundlegend ist an dieser Stelle voranzuschicken, dass es sich bei sehr vielen Studiengängen an universitären Einrichtungen so verhält, dass man nicht exklusiv von der „einen“ Berufsperspektive sprechen kann, so wie es bei Ausbildungsberufen gegeben ist oder bei zumindest einigen Studiengängen, bei denen eine Berufsperspektive definitiv angestrebt werden kann. Die meisten Studiengänge, deren Abschlüsse einen homogenen Rahmen an Berufsperspektiven ausmachen, wie es bei vielen naturwissenschaftlichen Studiengängen, in Abgrenzung an die Geisteswissenschaft, der Fall ist. Noch viel eindeutiger verhält es sich beim Studium des Lehramts. Aber selbst bei diesen Studiengängen ist dennoch eine gewisse Pluralität auszumachen. Ein Lehrer kann in Ministerien arbeiten oder wissenschaftlich forschen. Kant erwähnt beiläufig in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, dass man einem Menschen so viele Mittel geben soll, wie es nur möglich ist, um den ungewissen zukünftigen Zweck dienlich bzw. nützlich zu werden. So verhält es sich eben im Studium, in dem man impulsartig über mannigfaltige Mittel des jeweiligen Faches in Kenntnis gesetzt wird, um sich später im Berufsleben zu spezialisieren.

Samet Balci ist in Hannover geboren und studiert islamische Theologie, Geschichte und Philosophie an der Universität Osnabrück. Er ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl Prof. Dr. Dr. Rauf Ceylan und hat für seine Leistungen ein einmaliges Landesstipendium Niedersachsen gewährt bekommen.

Die islamische Theologie bereitet in Anbetracht der Berufsperspektiven eine größere Verworrenheit, als die restlichen Studiengänge. In der Tat vorrangig deswegen, weil dieser Studiengang in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt und aus diesem Grund keine Absolventen/innen, zumindest nicht in Osnabrück, hervorgebracht hat. Insofern liegen keine Erfahrungswerte in diesem Sinne zur Grunde.

Nichtsdestotrotz lassen sich zweifelsohne anhand der im Studiengang vermittelten Kompetenzen und Kenntnisse Aussagen hinsichtlich des Nutzens für die Berufsaussichten treffen. Aber auch vor allen Dingen lassen sich konkrete Berufsaussichten ausmachen, wenn man betrachtet, was die Politik und die muslimische Gemeinschaft mit der Institutionalisierung der islamischen Theologie beabsichtigt haben. Unter Berücksichtigung dieser zwei Elemente, die Ursache für das Entstehen der islamischen Theologie in Deutschland und das, was den Studierenden im Studiengang selbst vermittelt wird, kann man drei Berufe festmachen, die beabsichtigt worden sind. Das ist in erster Linie der Beruf des Theologen bzw. des Imamen, zudem der/des Islamlehrers/inn und schließlich des Seelsorgers. Fraglich ist hier jedoch, wie die Finanzierung der Theologen zu bewerkstelligen ist, wenn man bedenkt, was für eine wichtige Schlüsselrolle den deutsch-islamischen Theologen zukommen wird. Mir scheint daher die Idee einer islamischen bzw. muslimischen Steuer reif für eine Realpolitik zu sein, um die entstehenden Kosten, genau wie bei den christlichen Einrichtungen, decken zu können.

Neben diesen klaren Berufen gibt es mannigfaltige Berufe, die angestrebt werden könnten und die sich allesamt im öffentlichen Leben bewegen: Journalist, Nah-Ost Experte, Politiker oder eine akademische Laufbahn, insbesondere ist hier die junge Stiftung Avicenna zu erwähnen, die jungen muslimischen Akademikern/innen unter die Arme greifen soll. Journalismus sei besonders hervorzuheben – allein schon deswegen, dass man leider des Öfteren beobachtet, dass jene Journalisten, die über den Islam berichten oder über den Nahen-Osten, überfordert sind und schon mit ihrem unzureichenden Verständnis grundlegender Begrifflichkeiten wie Scharia oder Jihad für Verwirrung sorgen. Insofern kann dies ein Ansporn für angehende Theologen/innen der islamischen Theologie sein, sich dem Journalismus zu widmen, um für die hiesigen Bürger Bericht zu erstatten.

Zusammenfassend scheint ein Aufholbedarf zu bestehen seitens der Politik und der muslimischen Gemeinschaften, um die Berufsperspektiven auszudehnen bzw. die dominierenden, wie die des Theologen realisierbar zu machen. Der größte Beitrag kommt meines Erachtens dem Studierenden der islamischen Theologie selbst zu, einen nach seinem Schwerpunkt liegenden Beruf zu finden. Insofern ist der Nutzen des Studienganges eine Selbstverortung im Spektrum möglicher Berufe, die auf den Abschluss der islamischen Theologie folgen können. Mit ein wenig Optimismus kann man den jungen Studiengang im Hinblick auf die Berufschancen als eine Chance für die ersten angehenden Theologen/innen sehen. Immerhin ist man als angehender Theologe am Reifeprozess mittelbar oder unmittelbar involviert und gehört zudem zu einer neue Generation islamischer Theologen/innen in Deutschland.