AfD und Islam: Hitler-Deutschland 2.0? – Ein Plädoyer für Differenzierung

    Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat die islampolitische Diskussion in der AfD mit den Worten kommentiert: „[Z]um ersten Mal seit Hitler-Deutschland“ gebe es eine Partei, „die erneut eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditiert und sie existenziell bedroht“. Seitdem überschlagen sich im Internet Diskussionen um die nötige Differenzierung, was nun ‚Nazis‘, ‚Hitler‘, ‚Rassisten‘ usw. sind. Spannend ist, dass ein Kronzeuge für die vermeintliche Gefahr durch den Islam, Hamed Abdel-Samad vergleichsweise unkritisiert von islamischem Faschismus[1] sprechen kann. Dessen „Wissenschaftlichkeit“ wird oft ins Feld geführt, aber die Untertitel seiner Werke belegen bereits das Gegenteil: „Mohammed. Eine Abrechnung“[2]. Welches Werk den identischen Untertitel trägt, muss ich dem geneigten Nazi-Experten nicht erklären. Für alle anderen: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ trägt ebenfalls den Untertitel „Eine Abrechnung“[3].

    Weiter will ich gar nicht auf Nazis etc. eingehen. Nehmen wir den Nazi-Vergleich als das, was er ist: Ein taktisches Element, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Andere sagen dafür „Ziegenficker“ und werden als Helden der Meinungsfreiheit bejubelt. Sei’s drum. Ich nutze die Aufmerksamkeit lieber, um Zahlen, Daten, Fakten anzuführen, da derzeit Differenzierungen hoch im Kurs zu stehen scheinen.

    Große Mehrheit sieht Muslime als Bedrohung

    Die große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland sieht in der Zunahme von Muslime in der Gesellschaft eine Bedrohung (72 % der Westdeutschen und 74 % der Ostdeutschen). Angst davor, dass unter den Muslimen viele Terroristen sind, haben zumindest manchmal 61 % Westdeutschen und 68 % der Ostdeutschen. Eine staatliche Beobachtung islamischer Gemeinschaften befürworten 71 % im Westen und 74 % im Osten.[4] Für eine Gleichbehandlung aller Religionen sprechen sich hingegen nur 49 % der Westdeutschen und 53 % der Ostdeutschen aus.[5] Ganze politische Kampagnen sind inzwischen gegen Muslime ausgerichtet.[6] Skepsis oder Angst vor dem Islam sind Einstellungen von Mehrheiten – und keinesfalls ein Tabubruch.

    Zahl der Muslime weit überschätzt

    Wie bedrohlich ist der Islam tatsächlich? Zuerst einmal muss die Zahl der Muslime gerade gerückt werden: Auch wenn Deutsche ohne Migrationshintergrund im Durchschnitt von elf Millionen  Muslimen in Deutschland ausgehen, sind es tatsächlich gerade einmal vier. Wer einen türkischen Migrationshintergrund hat, liegt im Durchschnitt mit einer Schätzung von neun Millionen ebenfalls deutlich daneben.[7] Nehmen wir alle Muslime Deutschland zusammen, kommen wir etwa auf die Einwohnerzahl von Berlin (3,5 Millionen). Vor diesem Hintergrund scheint es verwunderlich, dass in Diskussionen viele davon ausgehen, Berlin sei jetzt schon von Muslimen dominiert.

    Einstellungen von Muslimen in Deutschland

    Wie stehen die Muslime zur Demokratie und unseren Werten? 80 % der Muslime in Deutschland bezeichnen Demokratie als gute Regierungsform. Damit liegen sie gleich auf mit den Konfessionslosen, aber hinter Katholiken mit 86 % und Evangelischen mit 90 %. Im Osten Deutschlands liegt der Wert übrigens bei 76 %.[8] Nur 1 % der Muslime in Deutschland unterhält keinen Kontakt zu Deutschen und will zugleich auch keinen.[9] Die Rede von Parallelgesellschaften und Ghettos ist daher „Paniksemantik“[10]. Was die Stellung der Frau angeht, haben türkische Einwanderer auch in nachfolgenden Generationen tatsächlich eine konservativere Einstellung. Studien ergeben jedoch, dass die „hohe Religiosität nur einer von vielen Faktoren ist – und zwar nicht einmal ein besonders relevanter“.[11] Bei der Frage der Homo-Ehe fallen Muslime mit einem Akzeptanzwert von 48 % im Vergleich zu 70 % bei Katholiken, 78 % bei Evangelischen und 87 % der Konfessionslosen aus der Reihe[12]. Da es vielen Verteidigern des christlichen Abendlandes aber nicht um die Gleichstellung von Homosexuellen geht, erscheint den Verteidern der Wert der Akzeptanz bei Muslimen vermutlich eher gefährlich hoch als zu niedrig.

    Wer sind die Extremisten?

    Manche mögen nun einwenden, dass die Mehrheit der Muslime vielleicht – ganz vielleicht – unproblematisch ist, aber das eine Minderheit sehr gefährlich ist und daher Gegenmaßnahmen des Staates erfordern, die womöglich Kollateralschäden anrichten. Schauen wir uns daher die wohl radikalste Gruppe des Diskursfelds Islam in Deutschland an: aus islamistischen Gründen aus Deutschland nach Syrien oder in den Irak Ausgereiste. Das Bundeskriminalamt hat dazu Daten zusammengetragen und analysiert. Mit jeweils 17 % ist der Anteil derjenigen ohne Migrationshintergrund und der Konvertiten erstaunlich hoch.[13] Sie sind zugleich jünger und häufiger Frauen als diejenigen mit Migrationshintergrund.[14] Fast jeder Fünfte, der aus Deutschland ausreist, ist nicht in einem muslimischen Umfeld aufgewachsen. In Moscheegemeinden war vor der Ausreise nur jede Dritte aktiv. Zu bekannten salafistischen Kreisen hatten jedoch 68 % der Ausgereisten Kontakt.[15] Eine immer größere Rolle spielt für die Rekrutierung das Internet.[16] Über das Internet wurde auch ein Großteil der kurzfristig Radikalisierten geworben, die womöglich 48 % der Ausgereisten ausmachen. Die Radikalisierung ist dabei deutlich seltener (nur in 56 % der Fälle) durch das äußere Erscheinungsbild offenkundig.[17]

    Fazit

    Was folgt daraus? Es bestehen in Deutschland große Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Islam und Muslimen. Die mittlerweile sehr gut erforschten Muslime in Deutschland zeigen zwar manche Defizite, aber keine, die große gesellschaftliche Ängste rechtfertigen würden. Im Zuge der Terrorbekämpfung scheint eine öffentliche Bearbeitung der Muslime als Gesamtheit wenig zielführend zu sein, da dabei aus dem Blick gerät, dass ein hoher Anteil islamistischer Extremisten enweder nicht in muslimischen Familien aufgewachsen ist oder keinen Kontakt zu etablierten Moscheen unterhält. Statt die Angemessenheit von Hitler-Vergleichen differenziert zu diskutieren, sollten wir im Hinblick auf die Islamdebatte in Deutschland versuche, auf Grundlage von Fakten zu differenzieren.

     

    Anmerkungen

    [1] Abdel-Samad (2014)

    [2] Abdel-Samad (2015)

    [3] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/innenpolitik/meinkampf/

    [4] Pollack (2014b: 33)

    [5] Pollack (2014a: 35)

    [6] Nève (2013)

    [7] Wittlif (2014: 2)

    [8] Pollack/Müller (2013: 17)

    [9] Haug/Müssig/Stichs (2009: 275 f.)

    [10] Bade (2006: 5)

    [11] Diehl/Koenig (2011: 210)

    [12] Pollack/Müller (2013: 22)

    [13] Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (2015: 15)

    [14] Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (2015: 47)

    [15] Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (2015: 15)

    [16] Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (2015: 49)

    [17] Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (2015: 41 f.)

     

    Literatur

    Abdel-Samad, Hamed, 2014: Der islamische Faschismus. Eine Analyse, München.

    Abdel-Samad, Hamed, 2015: Mohamed. Eine Abrechnung, München.

    Bade, Klaus J., 2006: Integration und Politik – aus der Geschichte lernen?, Aus Politik und Zeitgeschichte, 3–6.

    Bundeskriminalamt/Bundesamt für Verfassungsschutz/Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus, 2015: Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2015.

    Diehl, Claudia/Koenig, Matthias, 2011: Religiosität und Geschlechtergleichheit – Ein Vergleich türkischer Immigranten mit der deutschen Mehrheitsbevölkerung, in: Hendrik Meyer/Klaus Schubert (Hrsg.), Politik und Islam, Wiesbaden, 191–215.

    Haug, Sonja/Müssig, Stephanie/Stichs, Anja, 2009: Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg (1. Aufl.).

    Nève, Dorothée de, 2013: Islamophobie in Deutschland und Europa, in: Gert Pickel/Oliver Hidalgo (Hrsg.), Religion und Politik im vereinigten Deutschland, Wiesbaden, 195–220.

    Pollack, Detlef, 2014a: Grenzen der Toleranz: Deutschlands Plädoyer für die Ungleichbehandlung von Religionsgemeinschaften, in: Detlef Pollack/Olaf Müller/Gergely Rosta/Nils Friedrichs/Alexander Yendell (Hrsg.), Grenzen der Toleranz, Wiesbaden, 35–46.

    Pollack, Detlef, 2014b: Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in ausgewählten Ländern Europas. Erste Beobachtungen, in: Detlef Pollack/Olaf Müller/Gergely Rosta/Nils Friedrichs/Alexander Yendell (Hrsg.), Grenzen der Toleranz, Wiesbaden, 14–34.

    Pollack, Detlef/Müller, Olaf, 2013: Religionsmonitor. Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland, Gütersloh.

    Wittlif, Alex, 2014: Wie viele Muslime leben in Deutschland? Einschätzungsmuster von Personen mit und ohne Migrationshintergrund, Berlin.

    Sven W. Speer
    Sven W. Speer ist Vorsitzender des Forums Offene Religionspolitik (FOR) seit dessen Gründung 2011. Als Mitarbeiter und im Rahmen von Vorträgen und Gutachten berät er Regierungsorganisationen, Abgeordnete, Religionsgemeinschaften und Verbände zum Verhältnis von Staat und Religion – u.a. in Berlin, Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington D.C., Houston und Salt Lake City. Speer hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert und am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘, am German Marshall Fund of the United States und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien zur politischen Regulierung von Religion geforscht. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt.